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Weil Salzsäure fehlt : Die Energiekrise bedroht auch unser Trinkwasser

Wasser muss aufwendig gereinigt werden, damit es trinkbar wird. Bild: dpa

Für die Reinigung von Wasser fehlt die Salzsäure. Schuld sind hohe Energiepreise und Störungen in der Lieferkette. Wenn es so weitergeht, ist sogar das Trinkwasser gefährdet, warnen Chemieunternehmen.

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          Die Energiekrise und die stockenden Lieferketten könnten die deutsche Wasserversorgung bedrohen. Davor warnt der Verband der Chemischen Industrie VCI, dessen Unternehmen wichtige Produkte zur Reinigung und Aufbereitung von Trink- und Abwasser liefern. „Die kommunalen Versorger stehen mit dem Rücken zur Wand, nicht nur wegen der Preisgestaltung, sondern auch wegen der geringen Verfügbarkeit von Basischemikalien“, sagte der neue VCI-Präsident Markus Steilemann am Montag in Berlin.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Unter normalen Bedingungen würden diese Chemikalien in Deutschland hergestellt, wegen der hohen Energiepreise und der beeinträchtigten Lieferketten gebe es jetzt aber bedrohliche Engpässe. So fehle in Wasser gelöste Salzsäure für die Abwasseraufbereitung. Als Konsequenz hätten einzelne Behörden bereits die Umweltauflagen kurzfristig ausgesetzt: „Damit werden höhere Phosphatwerte in den Abwässern geduldet, sodass man höhere Phosphatwerte in die Gewässer ableiten kann.“

          Ernst der Lage nicht bewusst

          Noch betreffe der Missstand vor allem das Abwasser, sagte Steilemann. „Wenn sich die Versorgungsengpässe aber weiter so dramatisch entwickeln wie im Moment, dann ist absehbar, dass das Problem auf die Frischwasserversorgung durchschlagen wird. Dann kann die Trinkwasserqualität nicht länger sichergestellt werden, oder es kommt zumindest zu Trinkwassereinschränkungen.“ In Deutschland sei vielen der Ernst der Lage nicht bewusst, wenn Lieferketten nicht länger funktionierten, warnte Steilemann: „Es ist wirklich so, dass mittlerweile durch die hohen Energiepreise und das Zusammenbrechen lokaler Wertschöpfungsketten bestimmte Versorgungen für die Bevölkerung im Risiko stehen.“

          Der VCI-Präsident, der Vorstandsvorsitzender des Kunststoffherstellers Covestro ist, forderte, dass die Bundesregierung die Energiekrise viel schneller und wirksamer bekämpfen müsse als bisher. Die Chemieindustrie sei mittelständisch geprägt, 1700 der 1900 Mitgliedsunternehmen fielen in diese Kategorie. Unter diesen Unternehmen sei die Not derzeit groß. „Die Lage der energieintensiven Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland ist so dramatisch wie nie zuvor.“ Seit Jahrzehnten habe es nicht so viele besorgte Anrufe in der VCI-Zentrale in Frankfurt gegeben wie derzeit. „Ich rechne damit, dass wir vor einer Insolvenzwelle stehen, aber noch ist unklar, wann sie kommt und wie groß sie ausfallen wird.“

          Die Bundesregierung habe zwar viele Stützungsprogramme angekündigt, unter anderem die Strom- und die Gaspreisbremse. Die Gefahr sei aber groß, dass die Hilfen für die Industrie zu spät kämen und verwässert würden. Als Beispiel nannte Steilemann die Überlegungen, Unternehmen, welche die Bremsen in Anspruch nähmen, die Zahlung von Boni und Dividenden zu untersagen. Bei den nötigen Investoren im Ausland, vor allem in den USA, stoße diese Auflage auf völliges Unverständnis.

          Der Manager verlangte von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ein Machtwort, um die Gaspreisbremse sofort so einzuführen wie von der Gaskommission vorgeschlagen. Dazu gehörten auch Nachverhandlungen mit der EU-Kommission zu den hinderlichen Beihilfevorgaben des Vorläufigen Krisenrahmens (TCF). „Unsere Unternehmen brauchen jetzt Erleichterungen, bevor es zu spät ist, und zwar ohne Abstriche und ohne ausufernde Bürokratie.“

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