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Digitale Entwicklung : Der Süden vernetzt sich

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Mark Graham hingegen ist skeptisch, dass Digitalisierung allein wirtschaftliche Entwicklung erzeugen kann: „Im Jahr 2019 über den Effekt von Digitalisierung auf das Wirtschaftswachstum zu sprechen, ist fast so, als spräche man über den Effekt von Elektrizität auf Wachstum. Sie ist eine notwendige Bedingung, aber bei weitem keine hinreichende.“ Viele technische, ökonomische, politische oder regulatorische Faktoren spielten eine Rolle.

Auch dass die Vernetzung zu einer Angleichung des Wohlstands führen kann, glaubt Graham nicht: „Die Informationstechnologien tun nichts anderes als Dinge zu vernetzen. Aber Vernetzung führt nicht zu Konvergenz. Die Armen mit den Reichen zu verbinden bedeutet oft, dass die Reichen mehr profitieren als die Armen.“

Graham diskutiert auch das Problem von „Macht-Geometrien“. Die Mehrheit der Weltbevölkerung habe zwar heute Zugang zu demselben weltumspannenden Internet. Das heiße aber noch nicht, dass jeder dieses Netz nutzen kann, um die eigene Position zu verbessern. Technologie, so Graham, sei weder gut noch schlecht, aber auch nicht neutral: „Digitale Werkzeuge sind genau das – Werkzeuge – und können die Auswirkungen von Intentionen verstärken.“

Die Ambivalenz der Technik zeigt eine Fallstudie der Kölner Geographen Madlen Krone und Peter Dannenberg. Sie haben die Auswirkungen von Technologie auf die Landwirtschaft in Tansania und Kenia untersucht. 91 Prozent der befragten Bauern nutzten zumindest Mobiltelefone für ihre Arbeit, deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung der beiden Länder.

Etwa zwei Drittel bestätigen per Handy vorher ausgehandelte Verträge und nutzen digitale Bezahlsysteme wie M-Pesa. Die Bezahlung wird per SMS abgewickelt. Das Internet hingegen nutzen nur 11 Prozent, zum Beispiel für E-Mails, Suchanfragen oder geschäftliche Facebook-Gruppen.

Smartphones und Tablets sind in vielen afrikanischen Ländern heute weit verbreitet, wie hier auf einem Film-Workshop in Abidjan.

Die Bauern, die Krone und Dannenberg befragt haben, berichten, dass sie sich per Telefon über Angebot, Nachfrage und Preise informieren, bevor sie ihre Waren auf den Markt bringen. IT-Nutzung ermöglicht ihnen außerdem, häufiger an Exporteure zu verkaufen und somit Zugang zu einem größeren Markt zu erlangen. Die Bauern können mit diesen kommunizieren und sich leichter über die notwendigen Standards zum Beispiel bei der Pestizid-Nutzung informieren. Dennoch spielen Mittelsmänner weiterhin eine wichtige Rolle. Daran hat auch die Digitalisierung nicht viel geändert.

Die Verhandlungsposition der Bauern hat sich durch den Zugang zu Informationen nicht merklich verbessert. Das erklären die Autoren damit, dass auch die Mittelsmänner und Exporteure verstärkt auf IT setzen. Dadurch können sie Kartellabsprachen treffen und Landwirte besser kontrollieren – und sie haben einen Zeitvorsprung: In der Regel haben sie früher angefangen, Technologien zu nutzen und hatten so mehr Zeit, sich zu organisieren. Wo sich hingegen auch die Bauern selbst untereinander vernetzten und miteinander kooperierten, verbesserte sich ihre Verhandlungsposition.

Mittelsmänner bleiben ein generelles Problem in den Entwicklungsländer, findet Graham. Er glaubt auch nicht, dass die Digitalisierung hier geholfen hat. Denn die Verhandlungsposition der meisten sei in einem globalen Wettbewerb mit sehr niedrigen Löhnen sehr schwach: „Ich habe bisher noch keine Belege gesehen, dass Digitalisierung die Rolle von Mittelspersonen reduziert. Stattdessen steigen oft neue Vermittler auf, denen es gelingt, mithilfe ihrer existierenden Netzwerke und Ressourcen neue Wertschöpfungsketten zu kontrollieren. Meist haben die Verkäufer nicht die nötigen Ressourcen, um mit den Vermittlern auf Augenhöhe zu interagieren.“

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