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Digitale Entwicklung : Der Süden vernetzt sich

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Das heißt nicht, dass es im Internet keine Diskriminierung gebe, analysieren Graham und seine Kollegen in einem gerade erschienenen Sammelband. Doch unter der Anonymität des Netzes lasse sie sich leichter umgehen. Manche Online-Anzeige enthält ganz explizit den Wunsch, es mögen sich zum Beispiel keine Inder bewerben. Oft sei die Benachteiligung aber weniger offen. Einer der von Graham zitierten Interview-Partner ist William, ein zwanzig Jahre alter Software-Experte aus Nairobi, der sagt: „Oft muss man seine eigene Identität der Job-Beschreibung anpassen. Wenn du online überleben willst, musst du das tun. Sonst wird nichts kommen.“

Regional nimmt die Vernetzung zu

Manchmal stehe auch einfach westliche Ignoranz einer besseren Integration in den Arbeitsmarkt im Weg, findet Graham. Seine Gesprächspartner in Südafrika, Kenia und Nigeria berichten, oft wüssten Auftraggeber sehr wenig über die geographische Lage, die vor Ort gesprochenen Sprachen oder die technischen Gegebenheiten in afrikanischen Ländern. Dadurch würden sie für bestimmte Aufträge gar nicht erst in Betracht gezogen.

Auch innerhalb der Region verändert die Digitalisierung wirtschaftliche Strukturen und macht Wertschöpfungsketten effizienter. In Ghana versorgt zum Beispiel das Unternehmen Farmerline 200.000 Landwirte mit Wetter- und Preisinformationen in den örtlichen Sprachen und sammelt gleichzeitig Daten für Regierungen und Entwicklungsorganisationen. In Zukunft will man auch Kredite anbieten.

In einer Hinsicht könnte Technologie der Entwicklung aber auch im Weg stehen, warnen wiederum die Fachleute der Weltbank: Der Anteil von Beschäftigungsverhältnissen, die nicht in offiziellen Statistiken auftauchen und in denen Beschäftigte keine Arbeitsverträge und damit weniger Rechte und Absicherung haben, beträgt in Afrika südlich der Sahara mehr als 70 Prozent, in Indien sogar mehr als 90 Prozent. Die Ökonomen sprechen von „informeller“ Beschäftigung. Dazu gehören zum Beispiel der Verkauf von Produkten auf regionalen Märkten oder einfache Dienstleistungen.

Hat dieser informelle Sektor einen großen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung eines Landes, dann kann das langfristigem Wachstum im Wege stehen. Denn Löhne und Produktivität sind in diesen Jobs deutlich niedriger. Ein wichtiges Ziel der Entwicklungspolitik ist es daher eigentlich, solche informelle Beschäftigung zu reduzieren. Das Internet aber verfestige den informellen Sektor eher, als dass es dabei hilft, ihn zu verlassen, finden die Weltbank-Experten. Die meisten online entstehenden Jobs böten sehr wenig oder gar keine Absicherung.

Immer mehr Innovationszentren

Der Aufstieg der „gig economy“, also des Sektors mit freiberuflichen, auftragsbasierten Beschäftigungsmodellen, spielt dabei eine große Rolle. Arbeitnehmer sind immer häufiger nicht durch langfristige Verträge an eine Firma gebunden – und so abgesichert –, sondern werden pro Auftrag bezahlt. Das gilt für Liefer- und Chauffeurdienste, aber inzwischen auch für komplexere Aufgaben wie Buchführungsdienstleistungen.

Die nigerianische Plattform Asuqu vermittelt Freiberufler vom Unternehmensberater bis zum Schriftsteller, vom Grafikdesigner bis zum Juristen. Das ägyptische Unternehmen Tutorama organisiert Nachhilfestunden für Schüler. Und die Plattform Italki mit Sitz in Hong Kong bringt Sprachlehrer mit Lernenden zusammen.

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