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Wissensdefizite : Ein Volk von Ökonomie-Analphabeten

Wirtschaft: Für viele Deutsche ein Buch mit sieben Siegeln. Bild: Peter von Treskow

Forscher schlagen Alarm: Die Mehrheit der Bevölkerung hat große Wissensdefizite über Ökonomie und Finanzen. Mehr Bildung wäre nötig. Doch die Schulpolitik bewegt sich quälend langsam.

          Wie dünn die Kenntnisse sind, hat eine große Umfrage einer Gruppe von Wissenschaftlern mit dem Psychologen und Risikoforscher Gerd Gigerenzer gezeigt: „Wir fanden schwere Wissensdefizite über ökonomische Fakten, Konzepte und kausale Zusammenhänge in der Bevölkerung“, schrieben die vier Forscher. Insgesamt zeige ihre repräsentative Umfrage unter gut 1300 Personen „das Vorherrschen von ökonomischem Analphabetismus in einer repräsentativen Bevölkerung“, notierten die Forscher aus Berlin, Dresden und Friedrichshafen. Für viele ist Wirtschaft ein Buch mit sieben Siegeln.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Die 24 Fragen an die Versuchsteilnehmer waren überwiegend simpel, teils etwas anspruchsvoller. Dass aus 100 Euro Anlage bei 5 Prozent Zins nach einem Jahr 105 Euro werden (und nicht 100,50 oder 105,50 oder 150 Euro), berechneten immerhin 89 Prozent der Befragten korrekt. Große Unsicherheit gab es aber beispielsweise bei der Frage, welchen Effekt eine Dollar-Aufwertung auf die deutsche Wirtschaft habe. 27 Prozent sagten, die deutschen Exporte würden sinken. 10 Prozent glaubten, dass Rohstoffpreise für Deutschland günstiger würden. Nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten erkannte die korrekte Antwort, dass nach der Dollar-Aufwertung (entspricht Euro-Abwertung) Ölimporte teurer werden.

          Andere Studien belegen, dass finanziell gebildete Menschen seltener in Überschuldung schlittern. Eine Untersuchung aus Schweden zeigte, dass ökonomisch gebildete Menschen eher an Altersvorsorge denken. Und ein aktuelles Forschungspapier des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle belegt einen kausalen Zusammenhang zwischen besserer ökonomischer Bildung und der Neigung von jungen Leuten, sich selbständig zu machen. Es könnten mehr Unternehmen gegründet werden, wenn die wirtschaftlich-finanzielle Bildung in den Schulen mehr gefördert würde.

          Ein Kniefall vor den Arbeitgebern?

          Doch mit einem Schulfach Wirtschaft tut sich Deutschland nach wie vor schwer. Die meisten Bundesländer haben höchstens Mischfächer mit Namen wie „Politik-Wirtschaft“, „Arbeit, Wirtschaft, Technik“ oder „Wirtschaft und Recht“. „Es gibt fast 30 verschiedene Bezeichnungen und starke ideologische Kämpfe um die Lehrinhalte“, sagt Hans Kaminski, Direktor des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg. Er wirbt seit Jahren dafür, ein Schulfach Wirtschaft mit ausreichend Lehrstunden fest zu verankern. Doch der deutsche Bildungsföderalismus macht dies schwierig - ebenso gibt es Vorbehalte von Seiten der Lehrergewerkschaften. Lange Zeit hieß es auch, am Gymnasium habe - getreu dem humanistischen Bildungsideal - so etwas schnöde Materialistisches wie Wirtschaft nichts verloren. „Das ändert sich aber, das Interesse der Elternschaft und der Schüler nimmt zu“, beobachtet Kaminski.

          Der Wirtschaftsdidaktiker Hans-Jürgen Schlösser von der Universität Siegen hat jüngst 800 Schüler intensiv befragen lassen. Sein Ergebnis: Relativ gute Kenntnisse haben die Schüler beim Thema Sparen. Besonders schwach sind die Kompetenzen hingegen in den Bereichen Schulden, Versicherungen und Steuern sowie beim Thema Geldpolitik. „Da gibt es große Täler des Unwissens“, klagt er. Als Hauptgrund sieht er Versäumnisse der Schulen und eine verbreite Abneigung, über Geldfragen zu sprechen.

          Anders als hierzulande ist das Verhältnis der Amerikaner und Briten zur Wirtschaft und zu „Economics“ in der Schule deutlich positiver. In Großbritannien gibt es seit Jahrzehnten ein reguläres Schulfach Ökonomie. „Hierzulande wird das Thema Wirtschaft in der Schule leider oft mit Wirtschaftsinteressen oder Lobbyismus verwechselt“, sagt Schlösser. Inzwischen aber sei das Interesse gestiegen. Eltern und auch Schüler forderten mehr ökonomische Bildung in der Schule.

          Bildungsforscher Gerd Gigerenzer: Die Deutschen haben große Wissensdefizite bei wirtschaftlichen Themen.

          Doch als in Baden-Württemberg noch unter Grün-Rot ein neues Fach Wirtschaft beschlossen wurde, gab es im vergangenen Jahr wütende Proteste von links. Dirk Lange, Politikprofessor in Leipzig, wetterte in einem Zeitungskommentar, dass nun per Lehrplan „dem Neoliberalismus eine Renaissance“ bereitet werde. Das Fach sei ein „Kniefall vor den Arbeitgebern“. Im Auftrag der Gewerkschaften schrieb die Kölner Sozialwissenschaftlerin Birgit Weber ein Gutachten. Ihre Kritik: Die Schüler würden mit Effizienzdenken und ökonomischem Modellwissen traktiert, nicht zu kritischen Konsumenten ausgebildet. Soziale Fragen kämen zu kurz. Ungeachtet der Proteste wird das Schulfach Wirtschaft in Baden-Württemberg bald starten.

          Die Studenten lesen zu wenig

          Auch im Nachbarland Schweiz klagen prominente Wirtschaftswissenschaftler über den Stand der ökonomischen Bildung. „Als Professor finde ich es bedrückend, zu sehen, wie sehr es an politischer und ökonomischer Allgemeinbildung bei den jungen Studenten fehlt“, sagt etwa Reiner Eichenberger von der Universität Freiburg. Zumindest ein kleines „Wirtschafts-Einmaleins“ sollte die Bevölkerung beherrschen: etwa das Abwägen von Kosten (auch Opportunitätskosten) und Nutzen, die Unterscheidung von realen und nominalen Größen, absoluten und relativen Werten, Brutto und Netto und die Wirkung von Wechselkursänderungen. „Das Problem bei den Studenten ist, sie lesen zu wenig. Kaum einer liest noch Zeitung, die eine breite Bildung vermittelt. Alle lesen nur noch selektiv im Internet“, kritisiert Eichenberger.

          Das Forscherteam um Gigerenzer hatte differenziert herausgearbeitet, in welchen Bevölkerungsgruppen die ökonomische Bildung noch am höchsten ist. Männer mit höherem Schulabschluss hatten bessere Kenntnisse als Frauen und Geringergebildete. Wer viel Fernsehen schaute und wenig Zeitung las, schnitt schlechter ab. Einen anderen, alarmierenden Befund hat die Schüler-Befragung von Schlösser jüngst ergeben. Sie zeigte, dass Kinder aus reicheren Elternhäuser mehr von Finanzfragen verstehen als die ärmeren Schulkameraden: „Je höher das Einkommen, desto mehr wissen die Kinder“, sagt Schlösser. Gerade jenen Gruppen, die wirtschaftlich aufholen sollten, fehlten es damit an Wissen für den Aufstieg.

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