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Flugbranche : Deutsche Luftfahrt auf Schrumpfkurs

Die deutsche Luftfahrt wächst nicht mehr. Eurowings-Airbus A330 am Flughafen in Düsseldorf Bild: dpa

Weniger Flüge, weniger Passagiere – so lautet die Prognose der Flugbranche für 2020. Mit Flugscham dürfte das allerdings wenig zu tun haben.

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          „Der Traum vom Fliegen braucht einen, der ihn beschützt“, sagt eine Catrin lächelnd auf Plakaten an deutschen Bahnstationen. So wirbt die Deutsche Flugsicherung um Nachwuchs für die Fluglotsen. Und nach Sicht von Klaus-Dieter Scheurle, der Präsident des deutschen Luftfahrtbranchenverbands BDL und auch Chef der Flugsicherung ist, benötigen nicht nur die Fluglotsen Unterstützung, sondern die hiesige Luftfahrt insgesamt. „Seit 2012 müssen wir berichten, dass deutsche Fluggesellschaften Marktanteile verlieren. Das hat sich fortgesetzt“, sagte Scheurle in Berlin.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Noch dominieren einheimische Fluggesellschaften bei Starts hierzulande. 55 Prozent aller Sitze in abhebenden Jets waren in ihren Flugzeugen. Doch 2012 kamen sie noch auf einen Marktanteil von 67 Prozent. Der Rückgang hat aus Scheurles Sicht vor allem einen Grund: Ausländische Fluggesellschaften haben geringere Kosten, vor allem die deutsche Luftverkehrsteuer belastet sie weniger als hiesige Airlines, die die Abgabe für jeden Start in ihrer Heimat abführen müssen.

          „Der europäische Flickenteppich von nationalen Luftverkehrsteuern muss endlich beendet werden. Nationale Alleingänge wie die Erhöhung der deutschen Steuer zum 1. April sind kontraproduktiv“, sagt er. Denn künftig erhebt Deutschland eine der höchsten Ticketsteuern in ganz Europa. Für Inlands- und Europa-Strecken steigt der Satz um mehr als 5 Euro auf 13,03 Euro, für mittlere Distanzen um beinahe 10 Euro auf 33,01 Euro, für weite Interkontinentalstrecken um mehr als 17 Euro auf 59,43 Euro.

          „Über das Ziel hinaus geschossen“

          „Manche Jobs sind die Hölle, meiner ist der Himmel“, frohlockt eine Sina, Auszubildende bei der Flugsicherung, auf anderen Werbeplakaten. Der Branchenverband BDL spricht nicht von himmlischen Aussichten für die deutsche Luftfahrt, sondern sieht sie am Beginn einen Schrumpfjahres. Einen Rückgang des Sitzplatzangebots um 1,8 Prozent leitet der BDL aus den vorliegenden Flugplandaten der Airlines ab. Der Weltverband der Fluggesellschaften Iata, sagt indes ein globales Wachstum von 4,1 Prozent voraus, für Europa soll es ein Plus von 3,8 Prozent werden.

          Die Steuererhöhung, mit der auch die Senkung der Mehrwertsteuer auf Bahntickets gegenfinanziert wird, hat die Luftfahrt verärgert. Doch die Zahlen der Branche lassen noch eine andere Erklärung für die begonnene Schrumpfphase zu. Scheurle erwähnt sie auch. „Fluggesellschaften waren über das Ziel hinaus geschossen“, sagt er. Nach dem Aus von Air Berlin im Herbst 2017 hatten Wettbewerber derart viele neue Flüge aufgelegt, dass nicht nur gerissene Lücken gefüllt wurden, sondern das Angebot wuchs. In einen ohnehin durch Überkapazitäten gekennzeichneten Markt pumpten Airline-Verantwortliche weitere Überkapazitäten. Preisverfall und sinkende Gewinne waren die Folge.

          Vieles deutet daraufhin, dass die Schrumpfphase durch eine Kurskorrektur der Airlines ausgelöst ist. Die Lufthansa-Zweitmarke Eurowings verkleinert die Flotte, der Billigflieger Ryanair, der auch durch das Flugverbot für die bestellte Boeing 737-Max gebremst wird, zieht Kapazitäten aus Deutschland ab, das stärkste Minus liest der BDL in den Planzahlen von Easyjet, deren Kapazität hierzulande um rund 10 Prozent sinke. Zu dem Angebotsrückgang sagte Scheurle: „Das ist weniger eine Reaktion darauf, dass Menschen weniger Fliegen wollen, es markiert das Ende eines Prozesses in Folge der Air-Berlin-Insolvenz.“ Für eine verbreitete Flugscham sehe er keine Anzeichen.

          Auch eine Chance für die Branche?

          Überraschend kommt der Dämpfer nicht mehr: „Der Ausblick auf das neue Jahr 2020 ist düster“, hatte der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV, Ralph Beisel, schon zum Jahreswechsel im Gespräch mit der F.A.Z. gewarnt. „Anzeichen einer Trendwende lassen auf sich warten.“ Schon die Schlussphase 2019 war durch Kürzungen gekennzeichnet.

          Nachdem bis zum Sommer der Flugverkehr um satte 4,2 Prozent gewachsen war, führten Streichungen in den Winterplänen dazu, dass für die zweite Jahreshälfte ein Minus von 0,7 Prozent bei den Passagierzahlen blieb. Für das Gesamtjahr blieb ein Plus von 1,5 Prozent auf 248 Millionen Passagiere. Die wurde öfter in größeren und stärker ausgelasteten Jets befördert, so dass die Flugsicherung einen Rückgang der kontrollierten Flüge um 0,4 Prozent auf 3,3 Millionen zählte.

          Doch mittlerweile gibt es die ersten, die in der aktuellen Bereinigungsphase eine Chance für sich sehen. In der vergangenen Woche hatte der Reisekonzern TUI angekündigt, schon zum Sommer mehr Jets im Lack der deutschen TUI fly fliegen zu lassen. „Bei TUI fly in Deutschland wollen wir im Sommer bis zu vier Flugzeuge mehr einsetzen“, sagte TUI-Deutschland Marek Andryszak im Gespräch mit dieser Zeitung. Für TUI lohne sich dieser Schritt. „Ich bezweifle, dass in diesem Jahr die Kapazitäten für Ferienflüge auf Mittelstrecken wachsen werden.“

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