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Wirtschaftsbücher : Die Mythen der Hyperinflation

Georg von Wallwitz rückt in einem dramaturgisch gut konzipierten Buch Erinnerungen an das deutsche Trauma zurecht. Unabänderlich war es nicht.

          3 Min.

          Das Thema Inflation scheint in Deutschland so aktuell wie lange nicht. Wohl nicht beabsichtigt, aber passend hat Vermögensverwalter Georg von Wallwitz ein Buch über das Volkstrauma der deutschen Hyperinflation des Jahres 1923 vorgelegt. Hat man ein neues Buch gebraucht? Vielleicht nicht. Aber die Lektüre von „Die große Inflation – Als Deutschland wirklich pleite war“ lohnt. Wer den Autor und Vermögensverwalter kennt, weiß, dass er gern klare Worte gebraucht, und an diesen fehlt es auch in „Die große Inflation“ nicht. Worum es geht, macht von Wallwitz gleich in der Einleitung klar und überlistet den Leser. „Während die windigen Schwarzmarkthändler ihr Glück zu fassen versuchten, wussten Beamte, Pastoren und die meisten anderen Stützen der Gesellschaft kaum, wie ihnen geschah. Die Umwälzung der Preisverhältnisse führte zur Umschichtung der Besitzverhältnisse und produzierte damit sozialen Sprengstoff erster Güte.“ Doch kaum hat er die Vorurteile bestätigt, räumt sie von Wallwitz auch schon wieder ab: Viele weitverbreitete Vorstellungen hätten wenig mit der historischen Wahrheit zu tun – so habe in der Inflation Vollbeschäftigung geherrscht, die Ungleichheit habe durch die Geldentwertung abgenommen, und die Nationalsozialisten seien eine Randerscheinung geblieben. Feststellungen, die nicht in so manches historische Bild passen wollen.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wallwitz’ Buch ist keine strikte ökonomische Analyse. Die liefert der Autor auch kompetent, doch erzählt er die Geschichte im Wesentlichen anhand von fünf Protagonisten – ein gelungener Kniff, bei dem ökonomisch und wirtschaftshistorisch weniger versierte Leser gut verschmerzen können, wenn sie die komplexen Zusammenhänge nicht immer gleich nachvollziehen können. Die Dramaturgie der Protagonisten ist gut gewählt: Dem Finanzminister und Steuerreformer Matthias Erzberger, dem „jungen Wilden“, steht mit dem phantasielosen, subalternen Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein ein steifer „deutscher Beamter“ gegenüber. Noch viel eleganter ist das „sich respektvoll verachtende Doppelsternsystem“ Hugo Stinnes und Walter Rathenau. Auf der einen Seite der Industrielle und Inflationsgewinner Stinnes, deutschnational, herrschsüchtig, wendig und zupackend. Auf der anderen Seite der Minister Rathenau: intellektueller Außenseiter, sozialliberal, melancholisch – „Prophet im Frack, wobei ihm die einen das prophetische und die anderen den Frack übel nahmen“.

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