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Frankfurter Buchmesse : Glanz und Elend der Buchbranche

In der Buchbranche gibt’s viel zu tun, trotz gut 9 Milliarden Euro Umsatz. Bild: dpa

Den ihr prophezeiten Untergang hat die Buchbranche überlebt. Probleme gibt es trotzdem reichlich. Auch der schöne Schein der Buchmesse wird sie nicht verschwinden lassen.

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          Bunter und jünger präsentiert sich die Internationale Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr – aber auch nachdenklich und besorgt. Bis zum Wochenende zeigt sich die Branche wieder in ihrer Vielfalt und stellt ihre gesellschaftliche Ausstrahlung und ihre politische Bedeutung unter Beweis. Bis Sonntag werden viele Prominente in den Hallen des Frankfurter Messegeländes zu sehen sein, darunter königliche Gäste aus den Niederlanden und Belgien als Vertreter des „niederländischen Sprachraums“, der in diesem Jahr offizieller Gast der Messe ist.

          Wie in jedem Jahr treten viele internationale Autoren und Künstler auf von der amerikanischen Krimiautorin Donna Leon über den niederländischen Romanautor Leon de Winter bis zum Internettexter Sascha Lobo oder dem Schweizer Musiker und Sänger DJ BoBo. Im politischen Teil wird nicht nur bei der Eröffnung durch den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, die Frage nach der Zukunft Europas oder der Meinungsfreiheit im Vordergrund stehen.

          Angesichts der zunehmenden Einschränkung der Meinungsfreiheit vor allem in der Türkei, aber auch in Ungarn, Polen, Saudi-Arabien und anderen Teilen der Welt wünscht sich Messe-Direktor Jürgen Boos, dass auf der Messe der Dialog als große Idee der Aufklärung gegen Unterdrückung gestärkt werden sollte. „Das Wort und sein Wert“ ist dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels aber nicht nur ideell wichtig, sondern auch materiell.

          Buchhandelssterben geht weiter

          Abseits der im öffentlichen Scheinwerferlicht stattfindenden Diskussionen wird daher auf der Buchmesse auch über handfeste wirtschaftliche Dinge gesprochen. Die Branche hat den ihr prophezeiten Untergang überlebt. Das vorhergesagte Desaster angesichts der digitalen Konkurrenz hätten die Kritiker erlebt, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes. Genüsslich konstatiert er ein Verharren des elektronischen Buches (E-Book) auf niedrigem Niveau im einstelligen Prozentbereich.

          Dennoch erlebt die Branche Veränderungen, die vielleicht gerade deshalb schwer wiegen, weil sie nicht disruptiv daherkommen und gewachsene Strukturen einstürzen lassen. Immer mehr Bücher erscheinen nun im Selbstverlag, also durch das sogenannte Selfpublishing. Der Verlagsmanager Jacob Dalborg vom schwedischen Medienkonzern Bonnier – in Deutschland nach Bertelsmann und Georg von Holtzbrinck die drittgrößte Verlagsgruppe mit Carlsen, Piper, Ullstein oder Thienemann – sieht in den „Titeln da draußen“ eine große Herausforderung. Manch ein unbekannter Autor hat nur durch ein Buch im Eigenverlag oder auch als E-Book und damit an den klassischen Verlagen vorbei auf sich aufmerksam gemacht.

          Das Buchhandelssterben geht weiter. Auch hier ist der Prozess nicht sprunghaft, aber kontinuierlich. Die schrumpfende Zahl der Vertriebsstätten macht derzeit den Kunstbuchverlegern besonders zu schaffen. Dieses Genre galt noch vor wenigen Jahren als dasjenige, das am ehesten der digitalen Herausforderung standhalten würde. Jetzt schwindet dem Kunstbuch der breite Handel. Andererseits verlegen große Museen oder Galerien Kunstbücher in einer Masse wie selten zuvor. Durch aufwendige Ausstellungskataloge bindet man Künstler an sich. Der Vertriebsweg ist aber vor allem der Museumsladen.

          Umsatz von gut 9 Milliarden - trotzdem bleibt Gesprächsbedarf

          Wie künftig Buchverlage, Buchhändler, darstellende Künstler, Museen und Galerien enger kooperieren und neue Geschäftsmodelle entwickeln können, soll sich auf der neuen Teilmesse „The Art+“ zeigen. Der Buchhandel könnte künftig zu einem Kunst- und Kulturzentrum für sein urbanes Umfeld werden. Es könnte aber auch sein, dass mehr Kunst in die digitale Welt abwandert. Dafür steht der neue Aussteller Google Cultural Institut aus Paris. Aus der digitalen Welt in die reale Welt kommen die Herzenstage. Ein bisher nur digital bestehendes Forum sehr vieler (vor allem) Freundinnen von Liebesgeschichten tritt auf der Messe erstmals in der realen Welt auf.

          Ganz andere Sorgen plagen die Wissenschaftsverlage. Ihnen wurde von höchsten Gerichten eine seit 50 Jahren sprudelnde Einnahmequelle abgeklemmt. Für Kopien ihrer Werke sollen sie nicht nur nichts mehr bekommen, sondern die zuletzt erhaltenen Beiträge auch noch zurückzahlen. Die im Raum stehende „Allgemeine Bildungs- und Wissenschaftsschranke“, die nach dem Motto „Wissen wächst, wenn es geteilt wird“ einen freien Zugang zum Wissen fordert, wäre ein materiell durchaus spürbarer Eingriff in das Urheberrecht. Vor allem kleine Verlage könnten sich dann vom Lehrbuchmarkt ganz zurückziehen.

          Gesprächsstoff gibt es also genug. In den kommenden Tagen werden die Sorgen der Branche aber überdeckt werden von einer Messe, auf der sich abermals 7100 Aussteller aus 100 Ländern den erwarteten 270.000 Besuchern von ihrer besten Seite zeigen werden. Stars und Sternchen werden sich und ihre Bücher präsentieren. Und am Ende des Jahres wird sich die Branche mit einem Umsatz von gut 9 Milliarden Euro hierzulande oberflächlich abermals als relativ stabil erweisen. Darunter aber brodelt es durchaus an vielen Stellen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

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