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Insolvente Fluggesellschaft : Die Bieterauslese für Air Berlin beginnt

Die Angebote liegen auf dem Tisch, jetzt muss Air Berlin sich entscheiden. Bild: AFP

Heute ist die Bieterphase für die insolvente Air Berlin zu Ende gegangen. Mehrere Interessenten haben ein Gebot abgegeben. Für die Langstrecke der Fluggesellschaft sind die Aussichten aber düster.

          Eines fehlte in der am Freitag zu Ende gegangenen Bieterphase für die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin nicht: Ein Wettbewerb der Interessenten. Die Deutsche Lufthansa, die als Hauptinteressent gilt und den Betrieb von 70 bis 90 Flugzeugen zur Stärkung ihrer Marke Eurowings übernehmen will, soll nach Informationen aus Branchenkreisen sogar noch kurzfristig ihre Offerte nachjustiert haben. Der Konzern teilte lediglich mit, wie angekündigt ein Angebot abgegeben zu haben. Der Air-Berlin-Vorstandsvorsitzende Thomas Winkelmann sprach in einer Mitteilung von einem „regen Investoreninteresse“. Zum Ablauf der Bieterfrist am Freitag um 14Uhr lagen demnach „mehrere Angebote“ vor. Über die Namen der Bieter und die Höhe der Offerten wurde Stillschweigen vereinbart.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Angebote werden nun geprüft und in einer Sitzung des Gläubigerausschusses am 21. September diskutiert. Welche Bieter den Zuschlag erhalten, dürfte aber erst einen Tag nach der Bundestagswahl feststehen. „Mit abschließenden Entscheidungen rechne ich nach der Aufsichtsratssitzung der Air Berlin am 25. September feststehen“, sagte der Generalbevollmächtigte im Insolvenzverfahren, Frank Kebekus. Diese Verfahrensverlängerung um einige Tage kritisierte die Gewerkschaft Verdi. Sie gehe „zu Lasten der Beschäftigten, die endlich Entscheidungen über ihre Arbeitsplätze und über ihre Zukunft wollen“, sagte Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle. Die Gewerkschaft vermutet, dass die Veröffentlichung schlechter Nachrichten über den Wahltag hinaus verzögert werden soll.

          Aus für die Langstreckenflüge?

          Und wie aus Verhandlungskreisen verlautet, drohen Teilen der Air-Berlin-Belegschaft bittere Botschaften. Für das Langstreckensegment der Gesellschaft ist das Interesse möglicher Bieter erkaltet. Da der Flugzeugvermieter Aer-Cap zehn der 17 A330-Langstreckenjets zurückbeordert hat, schrumpft dieses Geschäftssegment. Air Berlin hat daher das Aus zahlreicher Transatlanktikflüge zum 25. September verkündet. Dazu kommt, dass die Langstreckenpiloten, die für die übernommene LTU flogen, zu Spitzenverdienern in der deutschen Luftfahrt zählen.

          Auf größeres Interesse stößt das Mittelstreckensegment mit der österreichischen Tochtergesellschaft Niki. Sie ist nicht insolvent und verfügt über eine eigene Betriebslizenz, auf deren Grundlage eine maßgeschneiderte Lösung für einen Käufer möglich wäre. An Niki hat der Gründer der Gesellschaft, der frühere Rennfahrer Niki Lauda, Interesse bekundet, der nach eigenen Angaben zusammen mit der Ferienfluggesellschaft Condor 100 Millionen Euro bieten wollte. Condor wollte sich dazu nicht äußern. Auch für die Lufthansa-Marke Eurowings ist Niki von Interesse sein.

          Der britische Billigflieger Easyjet bestätigte nach dem Ende der Bieterfrist eine Offerte für „Teile des Kurzstrecken-Angebots“. Sie folge „der an einzelnen Städten ausgerichteten Strategie“. Die Gesellschaft ist hierzulande vor allem in Berlin präsent. Nach Informationen aus Luftfahrtkreisen hat auch British Airways, die sich bislang bedeckt hielt, offenbar eine Offerte vorgelegt. Eine offizielle Bestätigung gab es nicht. Die Briten würden für Teile bieten, die ihnen früher gehörten. British Airways hatte den Ableger Deutsche BA einst an den Investor Hans-Rudolf Wöhrl abgegeben, der diesen an Air Berlin verkaufte. Wöhrl selbst ist der weiteren Bieter, ebenso der Unternehmer Utz Claassen.

          Die Zeit für Air Berlin drängt

          Der Berliner Logistiker Zeitfracht zog sich derweil aus dem Poker um große Jets heraus. Das Unternehmen bestätigte, ein Angebot für das Air-Berlin-Frachtgeschäft und die Techniksparte abgegeben zu haben. Auch die Tochtergesellschaft Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW), die kleine Regionalflugzeuge einsetzt, möchte Zeitfracht bekommen. LGW dürfte aber wie Niki wegen der eigenen Betriebslizenz interessant sein. Sie könnte für Lufthansa relevant sein, da die vorsorglich vorbereitete Air Berlin Aeronautics, in die im Notfall die bereits für Eurowings geleasten Air-Berlin-Jets übertragen werden sollten, noch nicht über eine eigene Lizenz verfügt.

          Der kurzfristig als Interessent aufgetretene Eigner des Flughafens Parchim, der Chinese Jonathan Pang mit seiner Gesellschaft Linkglobal, bat indes um eine Fristverlängerung, die Zeit sei zu kurz gewesen, um Verträge ins Chinesische zu übersetzen. Air Berlin hatte aber stets bekräftigt, den Verkauf schnell abschließen zu wollen. Ohnehin drängt die Zeit, da die Gesellschaft mit einem Staatskredit am Leben gehalten wird und wegen sinkender Buchungen täglich mehrere Millionen Euro Verlust einfliegt.

          Die Prüfphase der Angebote dürfte nun zu einer ersten Auslese führen. Wie Air Berlin ausdrücklich mitteilte, müssten „verbindliche Angebote“ zwingend einige Angaben enthalten, dazu zähle ein „konkreter Kaufpreis“. Der Investor Hans-Rudolf Wöhrl hatte angekündigt, ergebnisabhängig „bis zu 500 Millionen Euro“ für Air Berlin zahlen zu wollen.

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