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Platz da!

von MAJA BRANKOVIC
Illustration: Mart Klein und Miriam Migliazzi

30.01.2020 · In den nächsten zehn Jahren werden in Deutschland Millionen Babyboomer in Rente gehen. Wer nachrückt, kann durchstarten: aber wehe, es geht schief.

F ür Hewlett-Packard Enterprise müsste man arbeiten. Jedenfalls dann, wenn man gerade Nachwuchs plant. Das Unternehmen hat soeben beschlossen, dass jeder Mitarbeiter nach der Geburt seines Kindes eine sechsmonatige Elternzeit bekommen soll - bei Weiterzahlung des vollen Gehalts. Das gilt für die 2100 Angestellten am deutschen Firmensitz in Böblingen genauso wie für alle anderen 58 000 Beschäftigten auf der ganzen Welt. Auch der Schweizer Pharmahersteller Novartis bietet seinen Angestellten eine voll bezahlte Babypause an, wenn auch nur 14 Wochen lang. Danach aber gibt es immer noch den Staat, der die Eltern während ihrer Auszeit nach der Geburt finanziell unterstützt.


In den kommenden zehn Jahren erreichen rund

12 Millionen

Babyboomer das Rentenalter.



„Unsere Arbeit ist wie eine Droge“

Foto: Helmut Fricke

Bärbel Wenzel leitet mit ihrem Partner ein Architekturbüro. Nun suchen die beiden einen Nachfolger. Ein Gespräch über eine schwierige Suche, ihre jungen Kollegen und darüber, wie man es als Unternehmer schafft, loszulassen.

Frau Wenzel, die junge Generation will einen sicheren Job und geregelte Arbeitszeiten, tut sich aber gleichzeitig schwer damit, sich überhaupt an ein Unternehmen zu binden, heißt es in Studien. Teilen Sie den Eindruck?
Ja, das ist auch ganz bestimmt so. Wir hatten einen Kontakt zu einem netten Kollegen, der hat ein kleines Büro. Das wollte er aber behalten, wenn er in unser Büro hineingegangen wäre. Er wollte einfach mal schauen, ob sich das für ihn lohnt. Da haben wir uns in aller Liebe getrennt. Wasch mich und mach mich nicht nass, geht in der Nachfolge nicht. Entweder man bindet sich oder man lässt es.

Seit wann sind Sie schon auf der Suche?
So richtig dahinter geklemmt haben wir uns erst vor einem Jahr.

Wie sähe Ihre Traum-Nachfolge aus?
Es wäre ein Kollege oder eine Kollegin, Ende 30 bis Mitte 40, der oder die unsere Ziele weiterverfolgen würde. Wir versuchen so ökologisch zu bauen wie möglich, die Weiterverwendung von alten Gebäuden ist da ein großer Faktor. Das ist für uns gelebte Nachhaltigkeit. Und unser Team ist wie eine kleine Familie. Wir besprechen alles mit unseren vier Kolleginnen. Mit der Nachfolge würden wir gerne noch ein Jahr zusammenarbeiten: Die eine Partie geht immer stärker rein, die andere immer stärker raus.

Haben Sie sich eine Frist gesetzt, bis wann Sie jemanden gefunden haben wollen?
Innerhalb der nächsten zwei bis zweieinhalb Jahre. Wenn sich dann noch keine Lösung abzeichnet, müssen wir darüber sprechen, ob wir das Büro aufgeben. Ich kenne einen Schlosser, der gerade sein letztes Projekt gemacht hat. Das ist so schade, die Leute geben auf, weil sie einfach niemanden finden.

Wie läuft Ihre Suche bis jetzt?
Wir haben Gespräche geführt, einen engeren Kontakt aufgebaut und hatten zwei, drei theoretische Kontakte. Das hat aber bis jetzt nicht gepasst.

Es stand nicht zur Debatte, ob Ihre Kinder das Büro übernehmen?
Nein, gemeinsame Kinder haben mein Partner Herr Männle und ich nicht, und meine Kinder haben andere Berufe. Seine Neffen und Nichten auch. In der ganzen Familie ist keiner, der sich für Architektur interessiert.

Das hört sich schwierig an.
Wir hatten keine großen Erwartungen an die Suche, aber wir sind schon erstaunt, wie schwer es ist. Und ich glaube, ich weiß auch, warum: Junge Kollegen träumen groß und diese Nische, die wir uns geschaffen haben, ist für viele nicht attraktiv.

Aber junge, umweltbewusste Architekten müssten doch eigentlich begeistert sein von Ihrem ökologischen Schwerpunkt.
Nicht nur hier in Darmstadt, in ganz vielen Städten werden riesige Neubauviertel geschaffen. Das ist für junge Architekten attraktiver. Das Honorar bemisst sich nach der Bausumme. Wir haben zu 98 Prozent private Kunden, 300 000 Euro Honorar für ein Projekt gibt es bei uns selten. Wir können gut leben und haben eine sehr gute Auftragslage, aber mit den niedrigeren Honoraren muss man wirtschaften können.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Sichtweise auf das Unternehmertum gewandelt hat?
In den achtziger, neunziger Jahren war das Selbständigwerden sehr attraktiv. Diese Attraktivität hat nachgelassen. Jüngere wünschen sich heute eine sichere Stelle mit gutem Gehalt und genügend Freizeit, aber ohne diese Riesenverantwortung, die das Selbständigen-Dasein erfordert. Eine ehemalige Kollegin von uns kam als Praktikantin hierher, wir haben sie auf eine reguläre Position eingestellt. Es war ein absoluter Volltreffer. Nach drei Jahren hat sie unter Tränen gesagt: Ich habe mich wegbeworben in eine Verwaltungsstelle. Jetzt ist sie bei einem Amt, hat Familie und ist Abteilungsleiterin.

Hatte sie zu große Angst vor dem Scheitern?
Ja, genau. Die Größe unseres Büros ist an der unteren Grenze des Mittelstandes, wir haben auch schlimme Zeiten hinter uns. Ich kann mich sehr gut an schlaflose Nächte erinnern. Diesen Mut haben viele junge Leute nicht.

Obwohl wir in rosigen wirtschaftlichen Zeiten leben.
Gerade weil es uns seit zwei Generationen sehr gut geht, werden die Kinder verwöhnt. Dadurch, dass ich früh Mutter wurde, habe ich schon Enkel im Beruf. Ich habe sie alle unterstützt, die waren dankbar, aber nicht unbescheiden. Ich komme aus der Kriegsgeneration. Wenn ich mal einen Wunsch hatte, dann hat es damals oft von den Eltern geheißen: Das können wir nicht. Und dann war das auch gut.

Haben Sie sich manchmal gewünscht, dass Sie früher aufgehört hätten zu arbeiten?
Nein. Aufzuhören ist ein relativ neuer Wunsch, vom Verstand gesteuert. Ich könnte mir vorstellen, so wie ich Herrn Männle kenne, dass er als Seniorpartner in Maßen weiterarbeiten würde. Von heute auf morgen aufhören – ich kenne bis jetzt keinen Architekten, der das gemacht hat.

Sie sind immer erreichbar. Auch sonntags beim Wandern.
Ja, ich finde das wichtig. Am Bau tritt oft abends um zehn ein Problem ein, da müssen Sie sich drum kümmern. Dieses immer im Dienst zu sein, empfinde ich nicht als Belastung. Wenn bei einer Familie mit kleinen Kindern plötzlich die Heizung ausfällt und draußen ist es kalt, kann ich sofort etwas tun.

Wenn man ein eigenes Unternehmen führt, sind sicherlich viele Emotionen damit verbunden.
Ja, das stimmt.

Können Sie beschreiben, was Sie fühlen?
Diese absolute Bindung an den Beruf hat sich tatsächlich mit der Perspektive, dass es nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann zu Ende geht, verändert. Wir haben teilweise die Nacht durchgearbeitet. Dieser Fanatismus ist weniger geworden. Wir haben unsere Update-Linie von Windows jetzt auf Mitternacht gelegt. Dann gehen bei uns die Computer aus.

Was ja auch schon mitten in der Nacht ist.
So lange arbeiten wir nur noch selten. Aber: Wenn man in einer kleinen Struktur wie bei uns im Büro arbeitet, ist das wie eine Droge. Von der müssen Sie erst mal wegkommen. Es müsste Schulungen geben für Ältere. Viele denken nur ans Aufhören, aber nicht daran, was danach kommt. Ich hab’s einfach, ich werde ein Buch schreiben.

Ein Buch?
Ja. Man baut so, wie man denkt und wie man ist. Ich werde darüber ein Buch schreiben – welche Wirkung das Bauen auf unser tägliches Leben hat.

Hat Herr Männle auch ein Projekt?
Der Herr Männle ist Maler. Der aquarelliert und musiziert und ist Bergführer. Ich denke, wir werden im Ruhestand nicht auf eine Kreuzfahrt ausweichen müssen.


Das Gespräch führte Sarah Obertreis.

Bärbel Wenzel

leitet zusammen mit ihrem Partner Harald Männle, Jahrgang 1951, das Darmstädter Architekturbüro Männle. Wenzel, Jahrgang 1941, ist ausgebildete Lehrerin und hat im Zweitstudium einen Abschluss in Baugeschichte gemacht. Männle gründete sein Büro 1986, Anfang der Neunziger stieß Wenzel dazu.

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