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Studium : Die Aufstiegsangst der Arbeiterkinder

Akademikerkinder unter sich: Vorlesung an der Uni Leipzig. Arbeiterkinder trauen sich wesentlich seltener den Schritt an die Hochschulen. Bild: dpa

Immer mehr Deutsche studieren. Doch die Herkunft beeinflusst den Bildungsweg. Ihren Eltern zuliebe verzichten manche Kinder von Nichtakademikern auf ein Studium.

          Für mehr als 400.000 Menschen beginnt in diesen Tagen ein neuer Lebensabschnitt; sie nehmen zum Wintersemester ein Studium auf. Rund 2,6 Millionen Menschen sind an deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben, vor zwanzig Jahren waren es erst 1,8 Millionen. Der stetige Anstieg kommt auch daher, dass immer mehr Menschen eines Jahrgangs studieren, inzwischen mehr als 50 Prozent.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Daraus zu schließen, dass heute „jeder“ studiert, wäre jedoch falsch. Betrachtet man die Studierenden nach ihren sozioökonomischen Merkmalen, dann sticht eines heraus, das eine gute Prognose über den Bildungsweg erlaubt: die soziale Herkunft, gemessen am Bildungsabschluss der Eltern. Man kann es auf die Formel bringen: Ein Kind aus einem Akademikerhaushalt studiert fast immer, ein Kind aus einem Arbeiterhaushalt selten. Sogar die Wahl des Studienfaches ist schichtspezifisch. So findet man unter Medizin- und Jurastudenten kaum Arbeiterkinder, aber relativ viele in den Ingenieurwissenschaften, Geisteswissenschaften und dem Bereich soziale Arbeit.

          Drei Viertel des Nachwuchses mit akademisch gebildeten Eltern landet an der Hochschule, aus Nichtakademikerhaushalten nur ein Viertel. „Die Nicht-Akademikerkinder bleiben phasenweise hängen“, sagt Steffen Schindler, Bildungssoziologe an der Universität Bamberg. Sie erlangten zwar öfter die Hochschulreife, aber immer noch wesentlich seltener als Akademikerkinder. „Und dann studiert ein großer Teil trotz Hochschulreife nicht.“ Nur rund zwei Fünftel selbst derjenigen Nichtakademiker-Kinder, die eine Hochschulreife haben, entscheiden sich für ein Studium, unter den Abiturienten aus Akademikerfamilien sind es etwa vier Fünftel. „Die stärkste Trennlinie verläuft zwischen Eltern mit und ohne Abitur“, erklärt Schindler. So kommen sechs von zehn Studierenden aus Familien, in denen die Eltern Abitur haben.

          Mindestziel: Gleicher Status wie die Eltern

          Nun ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand mit Hochschulreife eine Berufsausbildung wählt, schließlich genießt das duale System einen ausgezeichneten Ruf. „Doch mit einem Studium verdient man im Durchschnitt wesentlich mehr. Auf diese Weise entsteht dann Ungleichheit“, sagt Schindler. Hinzu kommt, dass die schichtspezifischen Bildungswege kaum mit schulischen Leistungen erklärt werden können, denn die Noten der Akademikerkinder sind nur wenig besser. „Personen mit gleichen Abiturnoten treffen je nach Herkunft unterschiedliche Entscheidungen“, stellt Schindler fest.

          Das liege auch daran, dass Menschen vor allem den sozialen Abstieg vermeiden wollten; das sei ihnen wichtiger als der Aufstieg. Wenn aber der Statuserhalt das Mindestziel ist, reicht für Nichtakademiker-Kinder die Berufsausbildung, während Akademikerkinder – und ihre Eltern – alles dafür tun, um an die Hochschule zu gelangen. Im Ergebnis verringert sich die Bildungsungleichheit über die Jahrzehnte nur nach und nach: Heute nimmt ein Viertel der Nichtakademiker-Kinder ein Studium auf, vor fünfzig Jahren waren es knapp zehn Prozent.

          Schafft Bafög Gerechtigkeit?

          Vielen ist das zu langsam. Auch viele in der Wirtschaft wünschen sich angesichts des Fachkräftemangels, dass mehr Arbeiterkinder studieren. Wenn, wie Studien nahelegen, die finanzielle Belastung die Entscheidung stark beeinflusst, könnte man stärker an der finanziellen Schraube drehen. Für Chancengleichheit sorgen soll das Bafög.

          Kindern, deren Eltern höchstens knapp 20.000 Euro netto im Jahr verdienen, bekommen den Höchstsatz von 670 Euro im Monat. Mit steigendem Einkommen verringert sich das Bafög, von etwa 35.000 Euro an hat man keinen Anspruch mehr. 440.000 Studenten bekamen nach dem jüngsten Bericht der Bundesregierung 2012 Bafög, im Schnitt erhielten sie knapp 450 Euro.

          Zahlen des Deutschen Studentenwerks aus seiner letzten Sozialerhebung, die das Sommersemester 2012 in den Blick nimmt, zeigen, dass das wesentlich dazu beiträgt, die Einnahmen anzugleichen. So verfügten Nichtakademiker-Kinder insgesamt über 850 Euro im Monat, Akademikerkinder nur über etwa 30 Euro mehr.

          Studentenwerk: Ausweitung der Bafög-Freibeträge

          Bafög ist für Studenten aus bildungsfernen Elternhäusern mit einem Drittel die Haupteinnahmequelle. Bei niedriger Bildungsherkunft beträgt der Anteil der elterlichen Unterstützung 27 Prozent, bei hoher 63 Prozent. Eigenes Geld zu verdienen ist für alle Studenten wichtig. Für solche aus Akademiker-Haushalten macht es gut ein Fünftel der Einnahmen aus, für Studierende aus Arbeiter-Haushalten rund ein Viertel.

          „Ein sicheres und transparentes Studienfinanzierungssystem fördert die Bereitschaft zu studieren“, ist Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Studentenwerkes, überzeugt. Als man 2001 die Bafög-Rückzahlung gedeckelt habe, seien mehr Arbeiterkinder an die Hochschulen gekommen. Alles in allem sei Deutschland mit dem Bafög gut aufgestellt.

          Einen vollständigen Ausgleich gegenüber einem Kind aus wohlhabendem Elternhaus könne man ohnehin nie schaffen. Studenten, die den Höchstsatz erhielten, seien sogar recht gut abgesichert. Sorgen bereiten dem Studentenwerk rund 200.000 Studenten der unteren Mittelschicht, deren Eltern nicht den Teil zu ihrem Unterhalt zahlten, zu dem sie verpflichtet seien. Sie erhielten kein oder nur wenig Bafög und kämen zusammen mit dem Geld der Eltern nicht auf den Bafög-Höchstbetrag. Das Studentenwerk fordert deshalb, Freibeträge auszuweiten, um den Kreis der Förderberechtigten zu vergrößern.

          Studentenleben: Essen für 10 Euro die Woche

          Daniela Mehler gehörte zu dieser Gruppe. Die Eltern – der Vater Hauptschul-, die Mutter Realschulabschluss – hätten ihr nur eine geringe Summe geben können, schließlich hätten sie auch die Ausbildung ihrer zwei jüngeren Geschwister finanzieren müssen. Also habe sie durch Nebenjobs Geld hinzuverdient, was neben einem Vollzeitstudium sehr anstrengend war. „Ich habe von 500 Euro im Monat gelebt; der Bafög-Höchstsatz war damals rund 90 Euro höher“, erzählt die Dreißigjährige.

          Für Essen habe sie nur etwa zehn Euro in der Woche ausgegeben, sagt die promovierte Politikwissenschaftlerin, die inzwischen in der Hochschulleitung der Frankfurter Universität arbeitet. „Ich habe im billigsten Supermarkt ein großes Brot, viel Nudeln, ein paar Soßen und etwas Belag gekauft.“ Große Erleichterung verschaffte später ein Stipendium.

          Mehler erzählt von Freunden, die sich gegen ein Studium entschieden hätten, weil sie ihren Eltern dieses nicht zumuten wollten. „Man denkt die finanzielle Lage der Eltern immer mit.“ Mehler ist Mentorin der Organisation Arbeiterkind, die Kinder aus Nichtakademiker-Familien auf dem Weg an die Hochschule unterstützt. Wenn Schüler aus Arbeiterhaushalten zweifelten, dann liege das auch am Selbstbewusstsein. „Man traut sich nicht zu, es schaffen zu können.“ Zudem bremsten auch manche Eltern, denn ein Studium ihrer Kinder mache ihnen Angst. „Deren sozialer Aufstieg bedroht die eigene Position.“

          Arbeiterkinder trauen sich nicht ihre Eltern zu überflügeln

          Steffen Schindler erwartete nicht, dass die im Sommer beschlossene und ab Herbst 2016 geltende Erhöhung des Bafög – der Höchstsatz steigt auf 735 Euro – die Abwägung zwischen Berufsausbildung und Studium stark verändern wird. „Da müsste man das Bafög schon massiv erhöhen.“ Eine andere Möglichkeit wäre, Arbeiterkinder und ihre Eltern so früh wie möglich über die Vorteile eines Studiums zu informieren. „Das kann man aber nicht in großem Stil leisten“, glaubt der Soziologe.

          Die große Kraft, die die Herkunft habe, könne man ohnehin nur ein bisschen abmildern. Deshalb erwartet Schindler, dass die Ungleichheit über die Jahre zwar weiter abnehmen wird. „Es wird notwendigerweise soziale Aufstiege geben.“ Das werde aber weiterhin nur langsam vonstatten gehen. „Viele sind immobil und erreichen das gleiche Bildungsniveau wie die Eltern.“ Darüber hinauszugehen sei ein „sehr großer Schritt, den nur wenige wagen“. Viele hätten Aufstiegsangst.

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