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Studium : Die Aufstiegsangst der Arbeiterkinder

Studentenwerk: Ausweitung der Bafög-Freibeträge

Bafög ist für Studenten aus bildungsfernen Elternhäusern mit einem Drittel die Haupteinnahmequelle. Bei niedriger Bildungsherkunft beträgt der Anteil der elterlichen Unterstützung 27 Prozent, bei hoher 63 Prozent. Eigenes Geld zu verdienen ist für alle Studenten wichtig. Für solche aus Akademiker-Haushalten macht es gut ein Fünftel der Einnahmen aus, für Studierende aus Arbeiter-Haushalten rund ein Viertel.

„Ein sicheres und transparentes Studienfinanzierungssystem fördert die Bereitschaft zu studieren“, ist Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Studentenwerkes, überzeugt. Als man 2001 die Bafög-Rückzahlung gedeckelt habe, seien mehr Arbeiterkinder an die Hochschulen gekommen. Alles in allem sei Deutschland mit dem Bafög gut aufgestellt.

Einen vollständigen Ausgleich gegenüber einem Kind aus wohlhabendem Elternhaus könne man ohnehin nie schaffen. Studenten, die den Höchstsatz erhielten, seien sogar recht gut abgesichert. Sorgen bereiten dem Studentenwerk rund 200.000 Studenten der unteren Mittelschicht, deren Eltern nicht den Teil zu ihrem Unterhalt zahlten, zu dem sie verpflichtet seien. Sie erhielten kein oder nur wenig Bafög und kämen zusammen mit dem Geld der Eltern nicht auf den Bafög-Höchstbetrag. Das Studentenwerk fordert deshalb, Freibeträge auszuweiten, um den Kreis der Förderberechtigten zu vergrößern.

Studentenleben: Essen für 10 Euro die Woche

Daniela Mehler gehörte zu dieser Gruppe. Die Eltern – der Vater Hauptschul-, die Mutter Realschulabschluss – hätten ihr nur eine geringe Summe geben können, schließlich hätten sie auch die Ausbildung ihrer zwei jüngeren Geschwister finanzieren müssen. Also habe sie durch Nebenjobs Geld hinzuverdient, was neben einem Vollzeitstudium sehr anstrengend war. „Ich habe von 500 Euro im Monat gelebt; der Bafög-Höchstsatz war damals rund 90 Euro höher“, erzählt die Dreißigjährige.

Für Essen habe sie nur etwa zehn Euro in der Woche ausgegeben, sagt die promovierte Politikwissenschaftlerin, die inzwischen in der Hochschulleitung der Frankfurter Universität arbeitet. „Ich habe im billigsten Supermarkt ein großes Brot, viel Nudeln, ein paar Soßen und etwas Belag gekauft.“ Große Erleichterung verschaffte später ein Stipendium.

Mehler erzählt von Freunden, die sich gegen ein Studium entschieden hätten, weil sie ihren Eltern dieses nicht zumuten wollten. „Man denkt die finanzielle Lage der Eltern immer mit.“ Mehler ist Mentorin der Organisation Arbeiterkind, die Kinder aus Nichtakademiker-Familien auf dem Weg an die Hochschule unterstützt. Wenn Schüler aus Arbeiterhaushalten zweifelten, dann liege das auch am Selbstbewusstsein. „Man traut sich nicht zu, es schaffen zu können.“ Zudem bremsten auch manche Eltern, denn ein Studium ihrer Kinder mache ihnen Angst. „Deren sozialer Aufstieg bedroht die eigene Position.“

Arbeiterkinder trauen sich nicht ihre Eltern zu überflügeln

Steffen Schindler erwartete nicht, dass die im Sommer beschlossene und ab Herbst 2016 geltende Erhöhung des Bafög – der Höchstsatz steigt auf 735 Euro – die Abwägung zwischen Berufsausbildung und Studium stark verändern wird. „Da müsste man das Bafög schon massiv erhöhen.“ Eine andere Möglichkeit wäre, Arbeiterkinder und ihre Eltern so früh wie möglich über die Vorteile eines Studiums zu informieren. „Das kann man aber nicht in großem Stil leisten“, glaubt der Soziologe.

Die große Kraft, die die Herkunft habe, könne man ohnehin nur ein bisschen abmildern. Deshalb erwartet Schindler, dass die Ungleichheit über die Jahre zwar weiter abnehmen wird. „Es wird notwendigerweise soziale Aufstiege geben.“ Das werde aber weiterhin nur langsam vonstatten gehen. „Viele sind immobil und erreichen das gleiche Bildungsniveau wie die Eltern.“ Darüber hinauszugehen sei ein „sehr großer Schritt, den nur wenige wagen“. Viele hätten Aufstiegsangst.

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