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Telemedizin in den Startlöchern : Die Arztpraxis soll nach Hause kommen

  • -Aktualisiert am

Die Telemedizin wird ihren Siegeszug antreten, ist sich die Fachwelt sicher. Bild: Philips

Ferndiagnosen per App und Patientenüberwachung mit dem Smartphone sind keine Zukunftsmusik mehr. Die Industrie will mit der Telemedizin loslegen - aber es fehlt noch ein Gesetz.

          Für ältere Menschen und ihre Angehörigen ist es eine Schreckensvision: Ein Sturz in der eigenen Wohnung, Bewusstlosigkeit, und niemand bemerkt es rechtzeitig. Helfen könnten in solchen Fällen Bewegungsmelder, die von Senioren ständig getragen werden - und bei einem Pflegedienst Alarm schlagen, wenn sie einen Aufprall auf dem Boden registrieren. Verfügbar sind solche Geräte längst. Der niederländische Philips-Konzern zum Beispiel hat davon in den vergangenen Jahren schon rund 700.000 Stück abgesetzt. Auch chronisch kranke Menschen können sich mit Hilfe von Smartphones oder Tabletcomputern schon fernüberwachen lassen.

          Nur Pilotprojekte

          Aber noch sind solche Anwendungen gerade in Deutschland auf rund 200 Pilotprojekte beschränkt - und das aus gutem Grund, wie Fachleute sagen. Nicht nur, weil die Gefahr besteht, dass Krankendaten vermehrt in falsche Hände geraten, je häufiger sie durch das Internet übermittelt oder dort gespeichert werden. Hinzu kommt auch die Sorge, dass Ferndiagnosen per Telemedizin zu falschen Ergebnissen führen können. Studien, die solches belegen, gibt es; bei einer wurden zum Beispiel Bilder von Melanomen per App an Hautärzte versendet, und prompt wäre in rund 30 Prozent der Fälle fälschlicherweise die Diagnose „gutartig“ erfolgt.

          Dennoch: Telemedizin und „mobile health“ gelten als der kommende Großtrend. Und nicht erst, seit auch Branchenfremde wie Google oder Apple den Gesundheitsmarkt für sich entdeckt haben, treiben viele Medizintechnikunternehmen einen hohen Aufwand, um die Arztpraxis ein Stück weit in das Zuhause der Menschen zu verlagern. So kündigte Philips jüngst eine strategische Partnerschaft mit dem Datenspezialisten Salesforce.com an: Eine neue Datenplattform soll die enge Zusammenarbeit von Patienten, Ärzten und Dienstleistern ermöglichen - etwa für die Überwachung chronisch Kranker durch Pflegedienste. Um das Ganze großflächig betreiben zu können, sollen die Daten in die „Cloud“ ausgelagert werden, also nicht an den Rechner des Arztes gebunden sein.

          Mobile Geräte im Einsatz

          „Die heutigen Modelle des Gesundheitsmarkts können nicht von Dauer sein, wenn immer mehr Menschen in das Gesundheitssystem kommen und immer mehr chronische Erkrankungen behandelt werden müssen“, sagt Philips-Konzernchef Frans van Houten dazu. Überall wird nach Wegen gesucht, um die Kostensteigerungen im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. „Wir müssen die medizinische Versorgung personalisieren und zugleich massentauglich machen“, erläutert van Houten - und der Königsweg dazu sollen mobile Medizingeräte und die Vernetzung über das Internet sein.

          Im Spätsommer wollen Philips und Salesforce mit zwei Patienten-Apps für ihre Plattform starten; zunächst in Amerika, danach vielleicht in einigen europäischen Ländern wie Großbritannien oder Spanien. Mit dem Krankenhausbetreiber und Pflegedienst Banner Health im amerikanischen Bundestaat Arizona zum Beispiel arbeitet Philips in der Telemedizin schon seit 2009 zusammen. In Deutschland dagegen werden solche „E-Health“Angebote wohl noch auf sich warten lassen. „Andere Länder führen solche Anwendungen schneller ein, in Deutschland geht man dagegen gründlicher vor“, sagt Volker Penter, Partner der Beratungsgesellschaft KPMG und Leiter des Bereichs Gesundheitswesen.

          „E-Health“-Gesetz geplant

          Der Aufbau der benötigten Telematik-Infrastruktur oder die Nutzung der elektronischen Gesundheitskarte, um damit Befunde vom Krankenhaus zum Hausarzt mitnehmen zu können - darüber ringen Hersteller, Krankenkassen, Ärzte und die Politik bis ins Detail. „Aber dadurch wird in Deutschland auch eine sehr gute Basis für künftige E-Health-Anwendungen geschaffen“, lobt Penter. Und dass die Regierung vorankommen will, zeige auch die jüngste Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, der bis zum Herbst dieses Jahres einen Entwurf für ein „E-Health“-Gesetz vorlegen will.

          Allzu leicht werden bei der Telemedizin jedoch die Tücken übersehen, fügt Penter hinzu. So verlockend zum Beispiel der Gedanke ist, dass die Visite im Krankenhaus mit Hilfe eines Tabletcomputers gemacht wird, in den der Arzt seinen Befund eingibt - gewöhnliche Geräte kommen dafür schon aus hygienischen Gründen nicht in Frage, erläutert der KPMG-Fachmann. Also müssen teurere Spezialcomputer angeschafft werden. Auch der Markt für medizinische Hilfen im Internet - Fachleute sprechen von mehr als 15.000 bereits existierenden Medizin-Apps - hat seine Fallstricke. Denn im Zweifel werden solche elektronischen Helfer als Medizinprodukte eingestuft - mit entsprechend verschärften Haftungsregeln. Das wird vor allem von Privatmenschen häufig übersehen, die Gesundheits-Apps eher als Hobby oder für den Nebenverdienst entwickeln.

          Vernetzung im OP

          Trotzdem wird die Telemedizin ihren Siegeszug antreten, ist sich die Fachwelt sicher. Patienten fordern die mobilen Gesundheitsdienste immer mehr ein, „und auch technologieaffine Ärzte treiben die Entwicklung voran“, sagt Hanns-Peter Knaebel, Vorstandsvorsitzender des Medizingerätekonzerns Aesculap. Innerhalb eines Operationssaals oder eines Krankenhauses wird die Vernetzung der Geräte und der Datenaustausch ohnehin schon mit Verve vorangetrieben. „Wer im Markt bestehen will, muss seine Geräte mit Komponenten für die digitale Medizin ausstatten“, sagt Thilo Kaltenbach, Partner der Beratungsgesellschaft Arthur D. Little und Leiter des Bereichs Pharma und Gesundheitswesen.

          Viele Unternehmen seien darauf aber noch nicht genügend vorbereitet - und auch nicht auf das Vordringen großer IT-Konzerne in ihr angestammtes Feld, warnt er. Auf rund 200 Milliarden Dollar schätzt sein Haus den Gesamtmarkt für digitale Medizin im Jahr 2020. Bis dahin, prognostiziert Volker Penter, dürfte die mobile Gesundheitsversorgung dann auch in Deutschland flächendeckend angekommen sein.

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