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Kükenschreddern in Deutschland : Kein Herz für Küken

  • -Aktualisiert am

Tierschutz hat seinen Preis – die meisten Kunden sind nicht bereit, ihn zu zahlen. Bild: Frank Röth

45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr getötet, weil sie für die Landwirtschaft nutzlos sind. Dabei gibt es Alternativen. Doch die scheitern auch an den Verbrauchern.

          Fast jeder kennt sie: Fernsehbilder von süßen kleinen gelben Küken, die auf einem Fabrikband dem baldigen Tod entgegenrollen. Rund 45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland im Jahr nach dem Schlüpfen getötet, weil sie für die Landwirtschaft wertlos sind. Sie legen später keine Eier und sie setzen auch nicht genügend Fleisch an, um als Masthähnchen zu taugen. Deshalb werden die allermeisten männlichen Küken mit Kohlendioxid erstickt und anschließend zu Tierfutter verarbeitet.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Ist diese umstrittene Praxis mit dem deutschen Tierschutzgesetz vereinbar? Darüber will an diesem Donnerstag das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein Grundsatzurteil fällen und einen jahrelangen Rechtsstreit beenden. Dessen Anfang liegt sechs Jahre zurück. 2013 preschte das damals von den Grünen geführte Landwirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen mit einem Erlass vor, der das Töten männlicher Küken stoppen sollte. Doch zwei Brütereien klagten dagegen – mit Erfolg. 2016 entschied das Oberverwaltungsgericht in Münster, die wirtschaftlichen Interessen der Betriebe seien ein nach dem Tierschutzgesetz „vernünftiger Grund“, um das Töten zu rechtfertigen. Nun hofft die deutsche Geflügelwirtschaft, dass die obersten Richter diese Auffassung bestätigen.

          Die Diskussion über das Kükentöten hat – ähnlich wie das Tierwohllabel, die Lebensmittelampel, die betäubungslose Ferkelkastration und vieles mehr – schon etliche deutsche Landwirtschaftsminister beschäftigt, ohne dass allzu viel passiert ist. Auch die jüngste Frist, die sich CDU/CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag gesetzt haben – „Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden“ – dürfte wohl wieder gerissen werden. Ein Erfolg wäre es schon, wenn bis zum Herbst zumindest der weitere Zeitplan steht.

          Neues Verfahren verspricht Hoffnung

          Das Stichwort, an das sich viele Hoffnungen knüpfen, heißt „Seleggt“. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren, mit dem das Geschlecht eines Kükens schon vor dem Schlüpfen bestimmt werden kann. Mit einem Laser wird ein kleines Loch in die Schale gebrannt und etwas Flüssigkeit entnommen. Eier, in denen ein männlicher Embryo heranreift, werden anschließend nicht mehr weiter bebrütet, die weiblichen werden wie gehabt zu Legehennen oder gemästet. Die Eier dieser Hennen gibt es derzeit schon in 380 Rewe- und Penny-Märkten in Berlin unter der Marke „Respeggt“ zu kaufen. Bis zum Jahresende will die Supermarktkette das Angebot auf alle 5500 Läden in Deutschland ausweiten.

          Der Preisunterschied ist überschaubar. Ein bis zwei Cent mehr je Ei müssen die Verbraucher laut einem Rewe-Sprecher dafür zahlen, dass ihrem Frühstücksei keine geschredderten männlichen Küken vorangegangen sind. Doch was nach einem überschaubaren Aufpreis klingt, ist trotzdem bislang ein Ausnahmephänomen: Erst 1,5 Millionen Küken kommen in Deutschland nach einem solchen Geschlechtertest auf die Welt. Zum Vergleich: Allein die Zahl der Legehennen summiert sich auf knapp 50 Millionen.

          Das Landwirtschaftsministerium ist guter Dinge, dass die – mit 5 Millionen Euro geförderte – Seleggt-Technik bald serienreif ist. Im kommenden Jahr soll die Methode allen Brütereien zur Verfügung stehe. „Wenn die flächendeckende Verfügbarkeit gewährleistet ist, greift automatisch das Tierschutzgesetz, das das ,Schreddern‘ verbietet“, sagt eine Sprecherin. „Damit sind wir Vorreiter in Europa und auf der ganzen Welt.“ Doch ob sich das Verfahren tatsächlich durchsetzt, ist nicht gesagt. Die Geflügelbranche legt die Latte für ein aus ihrer Sicht praxistaugliches Verfahren hoch: 100.000 Eier am Tag müsse eine Sortiermaschine schon schaffen, sagt der Zentralverband der Geflügelwirtschaft.

          Ab wann ist ein Embryo schmerzempfindlich?

          Ohnehin ist auch das Verfahren zur Geschlechtsbestimmung schon wieder umstritten. Gewöhnlich wird der Seleggt-Test am neunten Tag des Ausbrütens durchgeführt. Kritiker argumentieren, schon vom siebten Tag an seien die Embryonen schmerzempfindlich. Das Landwirtschaftsministerium fördert deshalb auch die Züchtung von Rassen, bei denen die Hennen zwar weniger und kleinere Eier legen als üblich, dafür aber ihre Brüder etwas mehr Fleisch ansetzen, sprich: beide für die Landwirtschaft nützlich sind. Die Sprecherin macht aber auch keinen Hehl daraus, dass kleinere Eier und kleinere Hähnchenbrüste dem Verbraucher bislang nur schwer zu verkaufen sind.

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          Der Discounter Aldi versucht es seit 2017 mit dem Projekt „Henne & Hahn“. Die Eier stammen von Legehennen, deren Brüder als Masthähne aufgezogen werden. Ihr Fleisch kommt später etwa in Hühnerfrikassee. Doch dieses Projekt ist bislang auf einzelne Regionen beschränkt und weit davon entfernt, zum Standard zu werden. Ähnlich bei Lidl: Unter dem Namen „Kükenherz“ gibt es in Schleswig-Holstein und Hamburg Eier aus Freilandhaltung, bei denen neben den weiblichen auch die männlichen Küken aufgezogen werden. Sechs Kükenherz-Eier kosten 1,69 Euro, der Zehnerpack aus klassischer Bodenhaltung dagegen nur 1,19 Euro.

          Die Drohung der Geflügelwirtschaft: Sollte die Politik in Deutschland das Töten männlicher Küken verbieten, würden viele Brütereien wohl ins Ausland ziehen, wo dies weiterhin erlaubt sei. Schon heute importiert Deutschland rund 8,8 Milliarden Eier im Jahr – rund die Hälfte des gesamten Verbrauchs. Die Grünen bringt die zögerliche Haltung der Politik in Rage, sie drängen darauf, den Geschlechtertest zur Pflicht zu machen. „Eine technische Lösung ist serienreif und einsetzbar, die Brütereien müssen sie nur kaufen“, kritisiert der Abgeordnete Oliver Krischer. Klöckner solle die entsprechende Verordnung ändern, nur dann würden die Brütereien investieren.

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