https://www.faz.net/-gqe-xtn9

Deutschlands Zukunft : Bahn frei für die Generation Rollator

  • -Aktualisiert am

So ändern sich die Zeiten Bild: F.A.Z.

Den Statistikern sei Dank: Jetzt können wir uns richtig ausmalen, wie das Land in 50 Jahren ausschaut. Alt, topfit, aber nicht wirklich kreativ. Auf fürsorgliche Polen und Ukrainer werden wir vergebens gesetzt haben. Und bloß keine Spielplätze vor dem Fenster.

          4 Min.

          Mal überlegen, wer im Jahr 2060 noch an Bord sein wird. Vielleicht wohnt Franziska Drohsel dann in meiner Senioren-WG? Chefin der SPD-Jugend wird sie mit 80 Jahren wohl kaum noch sein. Aber vielleicht ist sie Bundesseniorenministerin a.D.?

          Lukas Podolski dürfte bis zum Jahr 2060 auch durchhalten. Der feiert dann seinen 75. Geburtstag, und jeder weiß, wie robust diese Fußballer sind. Und wenn die Musikanten von Tokio Hotel nicht an ihrem exzessiven Party-Stil zugrunde gehen, dann werden die Sänger-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz 2060 so alt sein wie Heino heute. Für Angela Merkel, Til Schweiger und Dieter Zetsche wird es eng.

          Wer im Jahr 2060 mit mir in Windeln gewickelt wird - wir werden eine ganz schön starke Seniorentruppe sein. Jedenfalls zahlenmäßig. Wenn die Deutschen weitermachen wie bisher, dann ist in 50 Jahren jeder Dritte älter als 65. Und jeder Siebte ist über 80. Das haben die Forscher des Statistischen Bundesamtes ausgerechnet.

          Lukas Podolski, Franziska Drohsel, die Musiker von Tokio Hotel: Wer im Jahr 2060 mit mir in Windeln gewickelt wird, wir werden eine ganz schön starke Seniorentruppe sein

          "Das ist keine Prognose!", warnen sie. Statistiker können nicht in die Zukunft sehen, sie können nur Modelle präsentieren, wie sich die Bevölkerung entwickelt, wenn alles bleibt, wie es ist: Wenn weiterhin jede Frau nur 1,4 Kinder bekommt, wenn die Sterberate weiter steigt, wenn neugeborene Jungen bald 85 Jahre alt werden und die Mädchen 89, wenn der Saldo der Auswanderer und Zuwanderer jedes Jahr nur 200.000 neue Einwohner ergibt - dann sieht Deutschland in 50 Jahren alt aus.

          Jeder wird sich an mindestens 10 Arbeitgeber erinnern

          Wenn ich also 2060 mit Franzi, Poldi und den Kaulitz-Zwillingen in unserem Mehrgenerationenhaus sitze, wird sich jeder an mindestens 10 Arbeitgeber erinnern. Wir werden bis 70 gearbeitet haben, in den verschiedensten Jobs. "Patchwork-Erwerbsbiographie" wird man meine Karriere nennen: Erst Journalistin, dann Verlegerin, NGO-Gründerin, Pressesprecherin, Lehrerin, Gastronomin, Diätberaterin, Integrationsdezernentin und zuletzt Generationenkonfliktmediatorin (in Altersteilzeit).

          Die Bundesagentur für Arbeit wird es 2060 noch geben, aber Arbeitsvermittler werden "Change Manager" sein und damit beschäftigt, Arbeitnehmer weiterzubilden, umzuschulen und in einen Job zu bringen, der fachlich und gesundheitlich besser auf sie passt. "Ich habe ausgelernt", sagt 2060 keiner mehr. 60-Jährige wagen noch den beruflichen Neuanfang.

          Die ganze Kraft der Arbeitsmarktpolitik richtet sich darauf, Reserven zu mobilisieren: Hausfrauen, An- und Ungelernte, Migranten, Halbkranke. Das Steuerrecht liefert die Anreize. Mütter können 800-Euro-Jobs annehmen, und Ehegattensplitting ist passé - das Steuerrecht belohnt Zeugungswillige, nicht Heiratswillige.

          "In Deutschland muss niemand hungern, aber alle packen an", erklärt der 2009 noch ungeborene Bundesgenerationenminister. Und er sagt, dass ein zweiter und dritter Arbeitsmarkt kein Tabu sein darf. Ihm verdankt unsere Senioren-WG Mirko, das Mädchen für alles: Er geht mit uns spazieren, liest aus dem Kindle vor, aktualisiert unsere Facebook-Profile - für 1 Euro die Stunde.

          Unsere Enkel gehen 2060 nach drei Jahren von der Universität ab. Doktortitel braucht nur, wer forschen will. Die anderen zahlen für eine solide, halbwissenschaftliche Grundausbildung und lernen den Rest bei ihren Arbeitgebern, die sie  über die Uni-Vermittlungsagentur finden. Bis 2060 erfinden die Betriebe die Personalabteilung neu: Sie muss den Wissenstransfer in der sich ständig ändernden Belegschaft planen, Konflikte zwischen Jung und Alt lösen, Sprachkurse für ausländische Fachkräfte organisieren und die Arbeitszeit auf die körperliche Fitness jedes Mitarbeiters zuschneiden.

          Ehe? Am „verflixten 25. Jahr“ werde ich scheitern

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.