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Digitalisierung in Deutschland : „Schlechter als in Ghana“

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Als global tätiger Geschäftsmann weiß er aus eigener Erfahrung vom Rückstand hierzulande zu berichten, etwa wenn er mit deutschen Managern telefoniert „und die Leitung in deren Auto mal wieder zusammenbricht“. Mit Gesprächspartnern in Afrika gebe es solche Probleme nie: „Mobilfunk funktioniert in Nigeria oder Ghana solider.“

„Es wird blutig werden“

Dabei ist für jedermann offensichtlich: Corona wird die Digitalisierung beschleunigen, nach zwölf Monaten mit der Pandemie braucht es für diese Erkenntnis nicht mal die höheren Weihen aus dem Silicon Valley. Neulich startete Walder ein gemeinsames Login der wichtigen Schweizer Medien, vereint in der Schweizer-Digital-Allianz. „One Log“ heißt das neue Eintrittssystem für die Nachrichtenplattformen der beteiligten Verlage, gedacht auch als erster Schritt im Bezahlprozess.

Walder ist Antreiber und Verwaltungsratschef der dazu gegründeten Firma. „Der Kampf um die Zukunft der Medien im Internet kann nur gewonnen werden, wenn sich die User endlich einloggen, das ist eine Sache von 45 Sekunden und tut ihnen nicht weh, für uns aber ist es überlebenswichtig“, sagt der Manager, der eine „massive Konsolidierung“ der Medienindustrie prophezeit: „Es wird blutig werden.“ Er nennt es „grotesk“, wenn „die Leute für einen Capuccino in Zürich sechs Franken bezahlen, aber keine sechs Franken für einen Monat guten Journalismus ausgeben wollen“.

Das gemeinsame Login-Portal, abgeschaut von globalen Plattformen wie Netflix, Facebook, Spotify oder Airbnb, ist aus Sicht von Walder daher ein notwendiges Werkzeug für die Medien, um in diesem Existenzkampf zu bestehen. Getestet haben sie das System im Boulevard-Blatt „Blick“ aus dem Hause Ringier: „35 Prozent der User haben sich registriert, freiwillig, ein Riesenerfolg, der zeigt: Die Leute sind bereit dazu.“

„Ich probiere erst mal alles aus“

Für den Konzern hat das zwei Vorteile: Er kann den Kunden, also den Lesern, personifizierte Angebote machen, etwa in der App oder für individualisierte Newsletter, und er kann der Werbewirtschaft präzisere Angaben über die Zusammensetzung der Zielgruppe bieten, „unter voller Wahrung des Datenschutzes“, wie der Ringier-Chef betont, der nicht bei jedem oder jeder den eigenen Überschwang für jede Art neuer Technik voraussetzen kann: „Ich probiere erst mal alles aus, den smarten Kühlschrank wie das neueste Fitnessband. Wenn es nichts bringt, lege ich die Dinge auch wieder weg.“

Wer die Welt erobern will, darf nie aufhören zu lernen, darf den Mut nie aufgeben, muss zwischendurch Niederlagen akzeptieren. Das hat Walder sich von den Helden im Silicon Valley abgeschaut, etwa den Gründern von Airbnb, die er seinerzeit besucht hat, als sie noch Pizza aus dem Karton gegessen haben. Im Eifer, es solchen Pionieren gleichzu- tun, kommt es auch mal vor, dass er übers Ziel hinausschießt. So hat der Ringier-Chef vor einigen Jahren vehement propagiert, dass jeder Manager das Programmieren lernen muss, wenn die Europäer sich gegen Amerikas Digitalkonzerne behaupten wollen.

Am Konzernsitz in Zürich hat er das angeordnet. Dazu haben sie bei Ringier für die Vorstandssitzungen einen Lehrer eingestellt, der die oberste Führung vor jeder Sitzung erst mal eine Stunde in Programmiersprachen unterrichtet hat, bevor sie auf die eigentlichen Themen zu sprechen kamen. „Das war ein Desaster“, gibt Walder heute zu, „ein halbes Jahr haben wir das durchgezogen, dann haben wir es gelassen.“

Die Manager sind damit gescheitert, selbst coden zu lernen, aber sie verstehen jetzt die Mechanismen, immerhin. Ganz vergebens war die Mühe folglich nicht oder wie Marc Walder sagt. „Jeder Tag, an dem du nichts Neues gelernt hast, ist ein verlorener Tag.“

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