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Mittelstand soll helfen : Eine Million Corona-Tests am Tag

  • -Aktualisiert am

Corona-Schnelltest im Leibniz-Institut für Photonische Technologien, Jena Bild: dpa

Ein Rostocker Biotech-Unternehmer will mit Hilfe deutscher Mittelständler viel mehr Testeinheiten verfügbar machen. Das Kanzleramt hat Interesse bekundet.

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          Für einen Geburtstagskuchen gibt es zwei Möglichkeiten. Die einfache Variante: Man geht in den Supermarkt und kauft ein Fertigprodukt. Oder aber man besorgt sich Butter, Zucker, Milch und Mehl und backt zu Hause. Das sei zugegeben ein etwas vereinfachter Vergleich, räumt Arndt Rolfs ein, Chef des Rostocker Gentestunternehmens Centogene. Doch mit Blick auf die derzeitige Lage in Sachen Corona-Tests trifft er einen Punkt – und macht zugleich die Defizite klar.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Alle Laboratorien in Deutschland wollen den Fertigkuchen haben“, erläutert Rolfs, auch Professor für Neurorestauration an der Universität Rostock. „Der ist allerdings ausverkauft.“ Normalerweise kommt der Kuchen von Pharmaunternehmen wie Roche oder Qiagen, die entsprechende „Testkits“ produzieren.

          Auf der anderen Seite können „Selbstbäcker“ relativ schnell und in großen Stückzahlen am Ende einen eigenen Kuchen zusammenstellen. Diese Strategie verfolgt Centogene derzeit. Arndt Rolfs lässt die Abstrichröhrchen im Moment aus Taiwan holen, Isolationssysteme für die Viren-RNA aus Irland, Amerika, China oder Dänemark, die PCR-Amplifikationsverfahren aus Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. „Wir wissen, wo wir die einzelnen Zutaten bekommen, um am Ende einen großen Kuchen zu backen.“ Sprich: einen für wirklich viele Menschen.

          „Viel zu wenig getestet“

          Denn Rolfs ist ein strikter Verfechter von Massentests auf das Coronavirus. Er sieht sich darin durch die Weltgesundheitsorganisation ebenso bestätigt wie durch Länder wie Südkorea, Taiwan oder Singapur, die die Verbreitung dadurch vergleichsweise gut in den Griff bekommen haben. In Deutschland dagegen werde viel zu wenig getestet, kritisiert Rolfs. Derzeit würden täglich rund 35000 Tests durchgeführt. Der tatsächliche Bedarf sei vermutlich rund 30 Mal so hoch. Breites Testen auch bei Gesunden sei jedoch unerlässlich, um Infektionsketten wirksam zu unterbrechen. So habe man die eigenen Mitarbeiter vorbeugend und mehrfach getestet. Eine Kollegin wurde positiv getestet; das hätte man ohne diesen Test wohl nicht oder zu spät erfahren, glaubt Rolfs.

          Weil die internationalen Lieferungen immer mal wieder ins Stocken geraten, will der Centogene-Chef jetzt verstärkt auf den deutschen Mittelstand setzen. Er hat dazu eine sogenannte „Mittelstandsinitiative Covid-19“ ins Leben gerufen. Hauptziel: Kontakte knüpfen, Kooperationen fördern. Dafür schalteten Rolfs und sechs Mitinitiatoren großformatige Anzeigen, auch in dieser Zeitung. „Wir benötigen Lösungen für die akuten Probleme der nächsten Monate in Deutschland“, ist dort zu lesen.

          Als Ziel gibt die Initiative vor, die Testkapazität in Deutschland sehr schnell und sehr drastisch hochzufahren – auf eine Million Tests täglich. „Das ist machbar, wenn alle Labore zusammenarbeiten“, sagt Patrick Adenauer, Vizepräsident der Verbandes „Die Familienunternehmer“, Mitinitiator und Enkel des früheren Bundeskanzlers und CDU-Chefs. Nach Angaben Adenauers könnten parallel zu den heute schon existierenden diagnostischen Laboren weitere Labore innerhalb von sieben bis zehn Tagen eine Kapazität von 500.000 Tests am Tag realisieren und nach weiteren sieben Tagen schließlich eine Million Tests täglich.

          Das wird aber nicht einfach: „Dafür müssten auch die derzeit nicht genutzten Universitätslabore genutzt werden“, sagt Rolfs. Viele von ihnen stünden derzeit leer, weil die Mitarbeiter der Universitäten im Homeoffice seien. Um das Projekt voranzutreiben, hat er sich Hilfe von anderen Familienunternehmen geholt. Am Mittwoch vergangener Woche hat Rolfs deswegen mit Adenauer telefoniert. Dieser ist als früherer Präsident der Familienunternehmer politisch noch immer sehr gut vernetzt. „Das hörte sich sehr vernünftig an“, sagt Adenauer, der Rolfs seine Unterstützung zusagte. Und die hat schon erste Ergebnisse gezeitigt: „Am Donnerstag haben wir auch Kontakt ins Kanzleramt aufgenommen.“ Dort fand man die Idee der Wirtschaftsvertreter gut.

          Abstrichspatel aus dem Spreewald

          Nach dem Anzeigenappell haben sich Rolfs zufolge zahlreiche Unternehmen aus ganz Deutschland bei ihm gemeldet. 300 Mails seien eingetroffen – häufig mit der Klage versehen, der Mittelstand sei trotz seiner Innovationskraft von der Regierung noch nicht ausreichend in die Lösung der Krise einbezogen worden. Und das, obwohl sich die jeweiligen Unternehmen bei Landes- und Bundesbehörden aktiv gemeldet und ihre Hilfte angeboten hätten. Als Nächstes wollen die Initiatoren ein Memorandum für die Politik erstellen, wo die Einsatzmöglichkeiten der Unternehmen aufgelistet werden.

          Erste Erfolge weiß die Mittelstandsinitiative schon zu vermelden: So kann der Brandenburger Kunststoffverarbeiter SWK Innovations aus dem Spreewald Zehntausende Abstrichspatel für die Tests liefern. Und dies, während Bezugsquellen wie Taiwan und China Angebotsengpässe melden.

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