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Deutschland und China : Die Wen-Wen-Situation

Vorhang zu, bevor die Kanzlerin kommt: Deutschland und Chinas Beziehungen sind in den letzten 10 Jahren enger geworden Bild: REUTERS

Unter Chinas Regierungschefs Wen Jiabao haben sich die Beziehungen zu Deutschland vertieft. Der Mega-Besuch der Kanzlerin war der protokollarische Höhepunkt dieser Nähe. Doch die Abhängigkeit birgt auch Gefahren.

          Die Große Halle des Volkes trägt ihren Namen mit vollem Recht. Der Prachtbau am Platz des Himmlischen Friedens in Peking ist fast 360 Meter lang und mehr als 200 Meter breit. Im größten und bekanntesten Saal, wo der Parteitag und der Nationale Volkskongress tagen, finden 10.000 Teilnehmer Platz, in der Banketthalle können 5000 Personen gleichzeitig speisen. Auf den insgesamt 170.000 Quadratmetern sind außerdem 300 Tagungsräume und Büros untergebracht. Die langen Trakte sind also sehr geeignet, um das größte offizielle Regierungstreffen aufzunehmen, das es je zwischen der Volksrepublik und einem anderen Land gegeben hat: In dieser Woche fanden in dem Megabau die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen statt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Zu den gemeinsamen Kabinetts- und Ressortsitzungen waren in drei Flugzeugen Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie sieben Minister und zwei Staatssekretäre angereist, darunter Philipp Rösler (Wirtschaft), Guido Westerwelle (Äußeres), Wolfgang Schäuble (Finanzen), Peter Ramsauer (Verkehr) und Peter Altmaier (Umwelt). Mit dabei war auch eine ranghohe Wirtschaftsdelegation. In dieser saßen etwa Martin Winterkorn (Volkswagen), Peter Löscher (Siemens), Heinrich Hiesinger (Thyssen-Krupp), Rüdiger Grube (Deutsche Bahn), Markus Schneider (Fresenius), Jim Hagemann Snabe (SAP) und der designierte BDI-Präsident Ulrich Grillo. Insgesamt umfasste der Merkel-Tross rund 150 Personen. Die chinesische Seite, in der Regierungschef Wen Jiabao mit 13 Ministern aufwartete, war noch deutlich umfangreicher.

          Export nach China hat sich verfünffacht

          Das große Stelldichein war symbolträchtig in doppelter Hinsicht. Auf chinesischen Wunsch hin hatte die Bundesregierung die zweite Runde der Konsultationen vorverlegt, damit der scheidende Ministerpräsident daran noch teilnehmen konnte. Insofern war die Anreise der politischen und wirtschaftlichen Elite auch ein Abschiedsgeschenk an Wen Jiabao. Gekrönt wurde diese Geste durch Merkels anschließenden Besuch in Tianjin, der Geburtsstadt ihres Kollegen. Zum anderen illustriert der Massenauflauf in Peking die stark gewachsenen Wirtschaftsbeziehungen während der Ära Wen.

          In den zehn Jahren, die er an der Macht war, hat sich die deutsche Ausfuhr nach China verfünffacht und der Import vervierfacht. Zum Vergleich: Insgesamt konnte Deutschland in dieser Zeit seinen Außenhandel nur um zwei Drittel erhöhen. Die China-Werte beeindrucken selbst in der Gegenüberstellung mit anderen aufstrebenden Schwellenländern. So hat sich der deutsche Export in die übrigen Staaten der BRIC-Gruppe - Brasilien, Russland und Indien - in der genannten Zeit verdreifacht; die Einfuhr wuchs um das Anderthalbfache.

          Wichtigster außereuropäischer Handelspartner

          Deutschland ist heute für fast ein Drittel des europäischen Handelsvolumens mit China verantwortlich, sogar zusammengenommen bringen Frankreich, Großbritannien und Italien weniger auf die Waage. Unter Wens Ägide ist China zum wichtigsten außereuropäischen Handelspartner der Deutschen neben Amerika geworden. Alle zweieinhalb Tage wickeln der Exportweltmeister und sein Vize untereinander ein Handelsvolumen von einer Milliarde Euro ab. China und Deutschland sind die zweit- und die viertwichtigste Volkswirtschaft der Erde und große Investoren.

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