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Deutsches Stromnetz : So will die Netzagentur weitere Chaostage verhindern

  • -Aktualisiert am

Ein Strommast in der Abenddämmerung Bild: dpa

An gleich drei Tagen im Juni traten im deutschen Stromnetz massive Störungen auf. Jetzt reagieren die Behörden unter anderem mit schärferen Strafen für die Händler.

          Nach den die Sicherheit gefährdenden Schwankungen im deutschen Stromnetz nimmt die Bundesnetzagentur Händler und Netzbetreiber stärker in die Pflicht. Am Donnerstag präsentierte sie einen Maßnahmenkatalog, der schwerwiegende Unterdeckungen, wie sie im Juni an gleich drei Tagen vorgekommen waren, verhindern soll. Dazu gehören schärfere Strafen für Händler, die gegen Vorschriften verstoßen, schnellere Informationen und die Überarbeitung des Preismodells.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          „Wir wollen Risiken für die Versorgungssicherheit minimieren“, sagt Vizepräsident Peter Franke. Er fügte hinzu: „Gefährliche Unterdeckungen der Bilanzkreise sollen sich nicht lohnen.“

          Das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage ist für eine stabile Frequenz des Stromnetzes, die in Europa auf 50 Hertz ausgelegt ist, entscheidend. Zu wenig oder zu viel Strom im Netz führen zu Frequenzabweichungen. Die können das Netz destabilisieren, Maschinen und Geräte in Mitleidenschaft ziehen.

          Nicht das erste Mal

          Netzbetreiber müssen deshalb Stromangebot und -nachfrage genau planen. Dies gelingt bei der wachsenden Menge stark fluktuierender Elektrizität aus Wind und Sonne nicht immer. Zum Teil seien „Prognosefehler“ Grund für die Schwankungen gewesen, hatte es in informierten Kreisen geheißen. Die Folgen hatten sich weit ins europäische Ausland erstreckt. In Worten der Netzbetreiber von Anfang Juli: „Die Lage war sehr angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden.“

          Das war nicht das erste Mal. Die Schweizer Swissgrid berichtete im Mai von einer „Netzsicherheitsverletzung“. Grund seien ungeplante Stromexporte von 4500 Megawatt, „ein hoher Anteil davon nach Deutschland“, gewesenen. Der Vorfall zeige, „dass die Prognosen erheblich von den effektiven Lastflüssen abweichen können“.

          Meistern kann man so eine Unterdeckung, indem kurzfristig mehr Strom ins Netz kommt oder indem große Verbraucher abgeschaltet werden. Dazu gehören Industrieunternehmen wie Aluminium- oder Stahlwerke. Die werden in letzter Zeit zum Ärger der Betroffenen immer öfter kurzfristig abgeschaltet – wofür sie aber entschädigt werden.

          Reformvorschlag zur Berechnung des Preises

          Die Alternative zum Abschalten ist das Zuschalten neuer Kapazitäten. Dabei geht es um Sekunden und Minuten. Die Reservekraftwerke stehen in Warteposition. Diese „Regelenergie“, kaufen die Netzbetreiber am Markt ein. Die Kosten überwälzt der Netzbetreiber auf die Stromkunden. Wird Strom abgefragt, wird er extra bezahlt. Die Kosten für die „Ausgleichsenergie“ müssen die Händler tragen. Eigentlich sind sie verpflichtet, immer so viel Strom an der Börse zuzukaufen, wie sie veräußert haben. Nur dann ist ihr „Bilanzkreis“ geschlossen. Im optimalen Modell wären Regel- und Ausgleichsenergie überflüssig.

          Das Modell ist aber nicht optimal. Liegt der aktuelle Börsenpreis über dem für die Ausgleichsenergie, könnte ein Händler sich auch auf das dann für ihn günstigere Sicherheitsnetz der Netzbetreiber verlassen. Tun das viele auf einmal, kann das Netz reißen. Die Netzbetreiber hatten darauf Ende Juni reagiert und von einem auf den anderen Tag die Ausschreibungen für Regelenergie verdoppelt. Im knappen Markt waren die Preise kurz auf fast 40.000 Euro je Megawatt geschossen, aber seither habe es keine Krisenlage mehr gegeben, sagen Beteiligte.

          „Wer Kosten einseitig zu Lasten der Versorgungssicherheit verschiebt, handelt rechtswidrig“, sagt Franke von der Netzagentur. Er legt nach: „Wenn sich der Verdacht solcher Verstöße im Einzelfall erhärtet, werden wir dagegen mit aller Konsequenz vorgehen.“

          Bis zum 9. August sollen die Netzbetreiber der Behörde jetzt einen Reformvorschlag zur Berechnung des Preises der Ausgleichsenergie vorlegen. Vertreter der Netzbetreiber loben im Plan der Netzagentur besonders die Pflicht zu einem früheren und verbindlichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage, einer zügigeren Ursachenermittlung durch schnellere Datenabfrage und nicht zuletzt Aufsichtsmaßnahmen der Behörde „bei Verdacht auf bewusste Manipulation von Energieprognosen oder verbotswidrige Arbitragegeschäfte auf den Ausgleichsenergiepreis“.

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