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F.A.Z. exklusiv : Das ewige Ringen mit Russland nervt die deutsche Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Nähern sich der Westen und der Kreml irgendwann wieder einander an? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bild: dpa

Viele deutsche Unternehmer hoffen nach der Wiederwahl Putins darauf, dass sich das Verhältnis zwischen der EU und Russland wieder bessert. Denn ihre Geschäfte leiden merklich, wie diese Zahlen zeigen.

          Gottfried Prechtl weiß, wie es sich anfühlt, zwei Drittel seines Umsatzes zu verlieren. Der Inhaber einer Jagdwaffenschmiede aus dem hessischen Odenwald hat einst einen Großteil seines Geschäfts mit Russland gemacht. Die mitunter mehrere zehntausend Euro teuren Gewehre seien dort beliebte Sammlerstücke, erzählt Prechtl.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Doch seit vier Jahren ist dieser Absatzmarkt für ihn komplett weggebrochen. Seitdem gelten die Sanktionen der EU gegen Russland, eine Reaktion auf die Annexion der Krim und das russische Vorgehen in der Ostukraine. Sein bestes Geschäftsfeld – auf einmal weg. „Das hat uns fast das Genick gebrochen“, sagt Prechtl.

          Wie viele andere Unternehmer in Deutschland hofft auch er darauf, dass nach der Wiederwahl Putins am vergangenen Wochenende neuer Schwung in die Gespräche zwischen der EU und Russland kommt, die Sanktionen vielleicht doch wieder gelockert werden könnten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zwar nicht groß, aber zumindest ist das Thema wieder auf der politischen Agenda. Es sei wichtig, weiter miteinander zu reden, schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihren Glückwünschen an Putin.

          Streit um Nord Stream 2

          Deutsche Unternehmen dürften dies mit Interesse verfolgen. Etliche von ihnen haben sich in den vergangenen Monaten an den Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft gewandt, weil sie durch die Sanktionen teils hohe Umsatzverluste verzeichnen. In einer Umfrage des Verbands unter mehr als 110 Unternehmen mit geschäftlichen Beziehungen zu Russland sprachen sich denn auch kürzlich 57 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Politik die Sanktionen gegen Russland schrittweise abbauen sollte. 37 Prozent forderten gar eine sofortige, bedingungslose Aufhebung. Für die Beibehaltung der Sanktionen waren dagegen nur 5 Prozent.

          Politisch gehen die Meinungen zu diesem Thema weit auseinander. Die Grünen würden es am liebsten sehen, wenn der Bau der Gas-Pipeline Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland gestoppt würde. „Das ist einer der wenigen Punkte, die Russland wirklich weh tun“, sagte Grünen-Chef Robert Habeck Anfang der Woche. Der Thüringer CDU-Landesvorsitzende Mike Mohring ist dagegen für eine Lockerung der Wirtschaftssanktionen. In Thüringen hätten Unternehmen, die Geschäfte mit Russland machen, Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent. „Das ist auf Dauer nicht hinnehmbar“, sagte Mohring.

          Die Forderungen nach einem gemäßigteren Umgang mit Russland sind mittlerweile so laut, dass sich der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft verpflichtet fühlt, auf das Primat der Politik hinzuweisen. „Die Sanktionen sind da, und daran hält sich die Wirtschaft“, stellt Wolfgang Büchele, der Vorsitzende des Interessenvereins, klar. Er sagt aber auch: „Wenn es belastbare Fortschritte im Minsker Friedensprozess gibt, sollten die Sanktionen schrittweise gelockert werden.“

          Laut einer im Dezember veröffentlichten Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft schaden die Sanktionen nicht nur Russland, sondern auch den sanktionierenden Ländern wie der EU und den Vereinigten Staaten. Allein bis Ende 2015 – bis dahin reicht die Auswertung der Kieler – summierten sich Rückgänge im Warenaustausch demnach auf insgesamt 114 Milliarden Dollar. Russland trage davon zwar mehr als die Hälfte. Der Rest aber, rund 44 Milliarden Dollar, betreffe die sanktionierenden Länder und dabei besonders Deutschland: Auf mehr als 17 Milliarden Dollar beziffert das Institut die Verluste hierzulande.

          Es gehe gar nicht so sehr um die Waren, die deutsche Unternehmen nicht mehr nach Russland exportieren dürften, sagt Julian Hinz, Forscher am Institut für Weltwirtschaft. „Das Hauptproblem ist die Finanzierung.“ Unternehmen bekämen von Banken kaum noch Kredite, wenn es um Geschäfte mit Russland geht. Die Finanzinstitute fürchten, dass ihnen sonst woanders Nachteile drohen, zum Beispiel im Umgang mit amerikanischen Kunden.

          So schwierig sich der Warenaustausch mit Russland gestaltet – wenn es um Direktinvestitionen vor Ort geht, seien die westlichen Unternehmen „grundsätzlich wieder positiver gestimmt“, berichtet Ost-Ausschuss-Chef Büchele. Viele hätten zuletzt ihre Bemühungen verstärkt, vor Ort in Russland zu produzieren und dort eigene Lieferketten aufzubauen.

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