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Deutsche Volkswirtschaft : Nichts gegen unseren Gemüsetürken

  • -Aktualisiert am

Granatäpfel kennen die Deutschen jetzt auch Bild: Jan Roeder

Zu nichts nutze als zum Gemüsehandel? Thilo Sarrazin hat ein paar grundlegende Dinge nicht kapiert. Der türkische Gemüsehändler füllt die Lücke, die Tante Emma hinterließ.

          Wenn Gül Aras und ihr Mann aufstehen, um ihre produktive Funktion zu erfüllen, dann ist es noch sehr früh. Oder es ist schon sehr spät. Das hängt davon ab, ob man die dritte Stunde nach Mitternacht eher zu den Morgenstunden zählt oder eher zu den Nachtstunden.

          In dieser Stunde jedenfalls, an jedem Tag der Woche bis auf den Sonntag, steht einer der Eheleute Aras auf. Während der andere noch drei Stunden weiterschlafen darf, fährt der Einkäufer ins "Frischezentrum", die Großmarkthalle in Kalbach. Dort kauft er ein: gelbe Paprika aus Anatolien, Auberginen aus Spanien, rote Linsen und dicke weiße Bohnen in Tomatensoße. Ab 9 Uhr stehen die ersten Kunden im Laden in der Leipziger Straße 77 in Frankfurt, und Gül Aras begrüßt viele mit Namen. Die meisten sind in den letzten 14 Jahren Stammkunden geworden. Sie sind äußerst wählerisch, kennen sich ziemlich gut aus im Sortiment. Und sind fast nur Deutsche.

          Frau Aras berät und verkauft, den ganzen Tag, im Stehen, bis 20 Uhr. Dann wird anderthalb Stunden geräumt und geputzt, und dann schließt sie den Laden ab und geht nach Hause.

          Längst nicht mehr nur Nischenanbieter für die eigenen Leute

          Andere Aufgaben hat Gül Aras nicht, sieht man einmal von der Erziehung ihrer zwei Söhne ab. Das findet Thilo Sarrazin ein bisschen bedauerlich: "Eine große Zahl an Arabern und Türken hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel." Es ist nur ein kurzer Satz, geschrieben in einer Zeitschrift, die weder Frau Aras noch die meisten ihrer Kunden lesen. Die Worte waren sicher nicht böse gemeint von Herrn Sarrazin. Sie sollten wohl anerkennend klingen: ein Dispens für eine kleine, lobenswerte Teilpopulation einer ansonsten für die Volkswirtschaft verlorenen Gruppe.

          Der Unterton: Warum nur primitive Agrarprodukte?

          Und doch schwingt in Sarrazins Worten eine Frage mit, eine Unzufriedenheit, fast schon ein Vorwurf: Warum nur Gemüse, nur Obst, nur primitive Agrarprodukte, allenfalls noch Lamm oder Hammel? Warum kann der Gemüsetürke nicht umsatteln, etwas mit Zukunft machen? Was mit Computern vielleicht, mit Internet, mit Handys wenigstens und eines Tages Consulting oder gar Architektur? Schließlich ist der Türke doch schon lange im Land. Und die anderen Migranten sind auch längst weiter auf der Leiter des Assimilation.

          So etwas finden die türkischen Banker eine ziemliche Beleidigung. Die türkischen Ärzte, Ingenieure und Manager finden das auch. Dabei sollten vor allem die Deutschen beleidigt sein. Denn Sarrazin macht sich von oben herab lustig über eine Institution, die aus dem deutschen Einkaufsalltag nicht wegzudenken ist.

          Mögen die Deutschen das "Kopftuchmädchen" auch ablehnen, einkaufen tun sie liebend gerne bei ihm und seinen Eltern. Oft genug ist der "Gemüsetürke" - gern liebevoll "mein Gemüsetürke" genannt - der einzige Einzelhändler, den sie namentlich kennen. Man öffnet sich ihm mit der Zeit, tauscht sich erst über das Wetter aus, über Rezepte, über die Kinder, über das Leben im Allgemeinen.

          Deutsche Courage an der türkischen Feinkosttheke

          An der Feinkosttheke ihres Gemüseladens beweisen die Deutschen Courage. Hier kostet manche Hausfrau zum ersten Mal das Aroma einer schwarzen Olive. Hier legt die Omi ihr Portemonnaie auf die Theke: "Bitte nehmen Sie das Geld einfach raus, Frau Aras." Hier wird der Preis noch abgerundet. Hier kauft der Yuppie komische unbekannte Gewürze, lässt sich in gebrochenem Deutsch Rezepte erklären, legt den Erfolg seines Kochabends in die Hände seines ausländischen Verkäufers.

          Eine türkische Wärmestube tut sich hier auf für alle Kunden, die Tante Emma vermissen. Sie vertrauen Onkel Mehmet. Ganz marktwirtschaftlich richten sich die Türken nach den deutschen Wünschen. Sie nehmen singlegerechte Minipackungen ins Sortiment und setzen auf Bio, auch wenn nicht alle einsehen, warum es nicht mehr reichen soll, dass die Ware einfach nur frisch ist.

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