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Trotz Erdogan : Deutsche Touristen erobern die Türkei zurück

Touristen an einem Badestrand in Kemer, Türkei Bild: dpa

In diesem Jahr könnten wieder so viele Touristen aus Deutschland in die Türkei reisen wie aus keinem anderen Land – trotz der Sicherheitsbedenken. Sollte man das Land nicht auch aus politischen Gründen boykottieren?

          Die Deutschen sind drauf und dran, in diesem Jahr wieder die größte Gruppe von Reisenden in der Türkei zu stellen. Trotz der weiterhin angespannten politischen Lage kamen zwischen Januar und April mehr als 803.000 Urlauber aus der Bundesrepublik in das kleinasiatische Land. Das seien rund 20 Prozent mehr gewesen als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs, teilt das türkische Tourismusministerium in Ankara mit. Fast jeder zehnte Urlauber war ein Deutscher.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Als nächstgrößere Herkunftsländer nennt das Ministerium Bulgarien, Russland, Iran und Georgien. Außer Russland grenzen all diese Länder an die Türkei, so dass von dort viele Tagesausflügler, Einkaufstouristen, Arbeiter und Geschäftsreisende kommen. In den ersten vier Monaten überquerten insgesamt 8,7 Millionen Ausländer die Grenzen (plus 12 Prozent), mehr als je zuvor.

          In den Jahren 2017 und 2018 hatte Deutschland zu dieser Zeit nur an dritter und zweiter Stelle der so genannten Quellmärkte gestanden. Erklärt wurde das damals mit den Terroranschlägen, mit dem Notstand seit dem Putschversuch von Mitte 2016 und mit dem angespannten Verhältnis zwischen der Bundesregierung und dem Regime von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach der Festnahme des Journalisten Deniz Yücel im Februar 2017. Yücel kam ein Jahr später frei, der Ausnahmezustand endete im Juli 2018. Seitdem steigen die Ankünfte aus Deutschland wieder und knüpfen an alte Glanzzeiten an.

          Reiseziel mit größten Zuwächsen

          Bis zum Putschjahr 2016 war die Bundesrepublik der wichtigste Herkunftsmarkt der Türkei gewesen. Seitdem liegt zwar Russland vorn, dessen Regierung sich mit Ankara versöhnt hat und Urlaubs- und Geschäftsreisen in die Türkei befeuert. Im laufenden Jahr jedoch könnte sich die frühere Reihenfolge wieder einstellen, wonach die Deutschen vor den Russen die Tabelle anführen.

          Die höchste Zahl deutscher Reisender verzeichneten die Statistiker 2015 mit fast 5,6 Millionen Ankünften. Um dieses Spitzenjahr zu übertrumpfen, müssten 2019 mindestens 24 Prozent mehr Deutsche in die Türkei kommen als 2018; damals entschieden sich 4,5 Millionen für diese Destination. Ein solch neuer Rekord ist nicht ausgeschlossen, wenn man sich das zwanzigprozentige Wachstum bis April vor Augen führt, also einschließlich der Osterferien.

          Auch die Sommersaison 2019 läuft sehr gut. Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands DRV wächst die Türkei unter allen ausländischen Reisezielen am stärksten. Im März meldete der DRV ein Plus bei den Buchungsumsätzen von 58 Prozent. Auch jetzt sei es noch „deutlich zweistellig“, sagt DRV-Präsident Norbert Fiebig. „Das ist ein kraftvolles Comeback. Nach den drastischen Einbrüchen von 2016 und 2017 nähert sich die Gästeanzahl wieder den Höchstwerten von 2015.“

          Krisenvorsorgeliste

          Neben der Schönheit des Landes, der Vielfalt der Urlaubsmöglichkeiten und der Freundlichkeit der Gastgeber spielten auch die niedrigen Preise eine Rolle. Als Reaktion auf die gesunkene Nachfrage in den Vorjahren hätten die Hotels ihre Tarife gesenkt. „Gerade für Familien gibt es nur wenige andere Ziele, die mit einem so überzeugenden Preis-Leistungsverhältnis punkten können“, sagt Fiebig.

          Ob man aus politischen Gründen Reisen einschränken sollte, müsse jeder für sich selbst entscheiden. Für Fiebig ist der Tourismus eine Form der Völkerverständigung und trage dazu bei, Vorurteile abzubauen: „Rückläufige Besucherzahlen schaden meist nicht der Regierung, sondern vor allem den Menschen, die ihren Lebensunterhalt aus dem Tourismus beziehen.“

          Gleichwohl überrascht die Renaissance des Türkeigeschäfts, wenn man auf die Sicherheitslage des Landes schaut. In seinen Reisehinweisen warnt das Auswärtige Amt: „In den letzten beiden Jahren wurden vermehrt auch deutsche Staatsangehörige willkürlich inhaftiert.“ Die Strafverfolgung sei „vielfach“ nach regierungskritischen Stellungnahmen in sozialen Medien erfolgt. In Einzelfällen reiche es für Festnahmen aus, entsprechende Beiträge geteilt oder mit einem „Like“ versehen zu haben. Selbst nichtöffentliche Kommentare könnten riskant sein, da es anonyme Denunzianten gebe.

          Nach Einschätzung von Amnesty International hat die Aufhebung des Ausnahmezustands an der Einschränkung der Grundrechte wenig geändert. Denn gleichzeitig sei die Türkei in ein autoritäres Präsidialsystem verwandelt worden: „Der Notstand wurde genutzt, um die drakonische Regierungsmacht zu konsolidieren, kritische Stimmen mundtot zu machen und fundamentale Rechte und Freiheiten abzubauen… Viele dieser Maßnahmen sind seit Ende des Notstands weiter in Kraft.“

          Ähnlich heißt es vonseiten des Auswärtigen Amts: „Die Sonderreglungen des Notstands wurden teilweise in permanentes Recht überführt. Es ist weiterhin von einem erhöhten Festnahmerisiko auszugehen.“ Auch die Gefahr von Terroranschlägen bestehe fort: „Diese können sich auch gezielt gegen Ausländer richten.“ Aufgrund der andauernden Unsicherheiten empfiehlt das Ministerium deutschen Reisenden, sich auch bei kurzfristigen Aufenthalten in die „Krisenvorsorgeliste“ des Auswärtigen Amts einzutragen.

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