https://www.faz.net/-gqe-8ndmh

FAZ.NET-Schwerpunkt : Die Globalisierung wird von den Menschen überschätzt

Beschaulicher Römer, weltläufiges Thema: Globalisierungsgegner in Frankfurt Bild: Frank Röth

Eine umfassende Datenauswertung der Deutschen Post bringt es an den Tag: Die Auswirkungen der Globalisierung werden allzu gerne falsch eingeschätzt. Und vor allem Europa hat sehr viel zu verlieren.

          4 Min.

          Die Globalisierung treibt Hunderttausende Menschen auf die Straße, wenn es darum geht, gegen Freihandelsabkommen wie TTIP oder Ceta zu demonstrieren. Sie bringt politische Entscheidungsprozesse in der EU an den Rand des Zusammenbruchs. Und sie ist zum Teil für den Wahlsieg von Donald Trump in den Vereinigten Staaten mitverantwortlich. Die Globalisierung ist so umstritten wie unaufhaltsam: Aber sie ist längst nicht so stark ausgeprägt, wie die Menschen glauben. Und die internationale Vernetzung der Handelsströme hat erst im Laufe des Jahres 2014 wieder das Niveau erreicht, das sie vor dem Ausbruch der weltumspannenden Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2007 hatte.

          Hinzu kommt: Schon im vergangenen Jahr hat sich die Expansion wieder verlangsamt, allerdings nur, wenn man ausschließlich den Handel betrachtet. Kapital, Personen und Informationen hingegen bewegen sich immer freier rund um die Welt. Das sind die wichtigsten Ergebnisse des umfassenden „DHL Global Connectedness“-Index, den die Deutsche Post DHL in dieser Woche vorstellt. Die Ergebnisse liegen dieser Zeitung vorab vor – und die Lektüre fördert Erstaunliches zutage. So mögen zwar viele Dienstleistungen zum Beispiel in der Informationstechnologie inzwischen nach Indien verlagert worden sein. Die Geschäfte dort werden aber nach wie vor zum allergrößten Teil in Englisch abgewickelt, was zeigt, dass die Welt noch lange nicht so sehr das „globale Dorf“ ist, in dem viele Menschen längst zu wohnen glauben. Denn die Sprache ist noch immer ein großer limitierender Faktor für die weitere Globalisierung.

          Missverständnisse und Ängste

          Das, was unter dem Begriff Globalisierung von Befürwortern und Gegnern gleichermaßen vereinfachend verstanden wird, ist in der Wirklichkeit des Alltags also ein sehr vielschichtiges Phänomen. Das tatsächliche Ausmaß der globalen Vernetzung ist immer noch viel kleiner, als die meisten Menschen glauben, was nach Ansicht der Autoren des Index zumindest eine Chance zur Korrektur von Missverständnissen und Ängsten geben könnte. Das Bedrohungspotential sei also viel geringer, als es die lautstarken und gut organisierten Globalisierungsgegner suggerieren. Der größte Austausch von Waren, Kapital, Personen und Informationen findet noch immer zwischen einzelnen, benachbarten Regionen statt: In die weite Ferne schweift die Globalisierung längst nicht so häufig wie gedacht.

          Deutschland und TTIP : Als Exportnation gegen Freihandel?

          Das ist auch der Grund dafür, dass Europa nach wie vor die am stärksten vernetzte Region auf der Welt ist: Acht der zehn am stärksten vernetzten Länder der Erde finden sich hier – was nach Ansicht der Studien-Autoren daran erinnert, was auf dem Spiel steht, wenn der politische Zusammenhalt in Europa zerfällt. Europas Vorsprung spiegele sowohl seine strukturellen Merkmale (viele wohlhabende Länder in nächster Nähe) als auch die Strategien zur Förderung der Integration durch die Europäische Union (EU) und ihre Vorgänger wider. Mehr als 70 Prozent der internationalen Handels-, Kapital-, Informations- und Personenflüsse des durchschnittlichen europäischen Landes finden innerhalb Europas selbst statt. Europa hat viel erreicht – und sehr viel zu verlieren.

          DHL-Index zur Global Connectedness

          Der DHL-Index zur Global Connectedness verfolgt die Entwicklung von Handels-, Kapital- und Informationsströmen sowie die Bewegungen von Menschen in den Jahren zwischen 2005 und 2015 oder dem jeweils letzten verfügbaren Jahr in 140 Ländern, die 99 Prozent der Wirtschaftsleistung der Welt und 95 Prozent der Bevölkerung umfassen. Er basiert nach den Angaben der Autoren vollständig auf „harten Daten“, also echten Zahlen, nicht auf Einschätzungen, was die Objektivität der Debatte verbessern soll, in der nach Ansicht der Deutschen Post DHL sowohl die Befürworter als auch die Gegner das Phänomen als solches und seine Auswirkungen überzeichnen.

          Weitere Themen

          Arbeitslosenzahl sinkt im November Video-Seite öffnen

          Trotz Teil-Lockdown : Arbeitslosenzahl sinkt im November

          Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist trotz neuer Corona-Beschränkungen im November gesunken. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2,699 Millionen Menschen arbeitslos, 61.000 weniger als noch im Oktober.

          Topmeldungen

          Fünf Tote in Trier : Mutmaßlicher Amokfahrer muss vor Haftrichter

          Einen Tag nach der schrecklichen Amokfahrt in Trier entscheidet die Staatsanwaltschaft, ob sie für den festgenommenen Autofahrer Untersuchungshaft oder eine Unterbringung in der Psychiatrie beantragt. Fünf Menschen wurden am Dienstag in der Innenstadt getötet.
          Fragwürdige Ehrung: „Ahnengalerie“ im Bundesarbeitsgericht in Erfurt

          Frühere Bundesrichter : Tief verstrickt in NS-Verbrechen

          Das Bundesarbeitsgericht hat seine Vergangenheit nie aufarbeiten lassen. Jetzt zeigt sich: Etliche seiner Richter hatten in der NS-Zeit Todesurteile zu verantworten oder sich auf andere Weise schwer belastet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.