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Hoher Handelsüberschuss : Deutschlands Medizinversorgung ist gar nicht so abhängig von Asien

OP-Leuchten aus Lübeck von Drägerwerk: Ein gefragtes Exportgut Bild: dpa

Die Bundesrepublik exportiert mehr Desinfektionsmittel, Beatmungsgeräte und Medikamente, als sie einführt. Trotzdem raten die Fachleute zur Lagerhaltung.

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          Deutschland hat in der Corona-Krise große Schwierigkeiten, an ausreichend Masken, Schutzausrüstung oder Reagenzien für die Virustests zu gelangen. Auch viele Medikamente und deren Vorprodukte stammen aus dem Ausland, insbesondere aus Asien. Insgesamt aber ist die Bundesrepublik bei Medizingütern kaum abhängig von außereuropäischen Lieferanten.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Wie das Ifo-Institut berechnet hat, betrug der Handelsüberschuss 2019 rund 37 Milliarden Euro. Der Export lag bei 106 Milliarden Euro, der Import bei 69 Milliarden. Selbst bei den derzeit besonders gefragten Produkten wie Desinfektionsmitteln, Beatmungsgeräten oder Arzneimitteln exportierte das Land deutlich mehr, als es einführte.

          „Die These, dass Deutschland beim Handel medizinischer Güter am Tropf der Globalisierung hängt, ist empirisch nicht belegbar“, schreiben die Wissenschaftler Martin Braml, Feodora Teti und Rahel Aichele in einem Aufsatz für den Ifo-Schnelldienst. „Vielmehr hat Deutschland nach wie vor eine bedeutende Rolle im globalen Medizingüterhandel inne.“

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          Beispiel Arzneimittel: Der Importwert aus China und Asien betrug im vergangenen Jahr den Berechnungen zufolge 409 Millionen Euro. Das klingt viel, machte aber nur 0,8 Prozent des gesamten deutschen Medikamentenimports aus. Arzneien im Wert von 36,6 Milliarden Euro bezieht Deutschland aus anderen europäischen Ländern. „Dies widerlegt die Behauptung, Deutschland sei grundsätzlich vom Import aus asiatischen Ländern abhängig“, heißt es in der Veröffentlichung.

          Vorschlag für einen nationalen Medikamentenvorrat

          Gleichwohl sprechen sich die Fachleute dafür aus, die Zulieferung weiter über Länder, Regionen und Kontinente zu streuen und – ähnlich den strategischen Ölreserven – einen nationalen Medikamentenvorrat anzulegen, um Versorgungsengpässen vorzubeugen. Die Lager müssten mindestens so lange reichen, bis die heimische Volkswirtschaft im Krisenfall aus eigener Kraft eine ausreichende Bevorratung sicherstellen kann.

          Die Autoren sprechen sich dafür aus, alle Einfuhrzölle der EU für Medizinprodukte dauerhaft abzuschaffen: „Von protektionistischen Maßnahmen sollte die EU Abstand nehmen, um den freien Welthandel zu sichern.“ Für wichtiger als die Herkunft eines Produkts halten die Forscher eine ausreichende Zahl unterschiedlicher Bezugsquellen. „Mit der Zahl der Zulieferer sinkt die Abhängigkeit, und bei einer hinreichend hohen Zahl kann die Versorgung sogar stabiler sein als allein durch heimische Produktion“, heißt es in dem Papier.

          Den Angaben zufolge bezieht Deutschland knapp zwei Drittel der medizinischen Importgüter aus mehr als 30 Ländern, was einen hohen Grad an Diversifikation beim Bezug dieser Produkte bedeute. 72 Prozent der Arzneimittelimporte stammen aus den Mitgliedstaaten der EU. Außerhalb der EU sind die Vereinigten Staaten, die Schweiz und Großbritannien bedeutende Exporteure medizinischer Güter nach Deutschland.

          Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov verlangt eine große Mehrheit der Deutschen Konsequenzen in der gesundheitswirtschaftlichen Struktur des Landes. Zwei Drittel sprechen sich dafür aus, dringend benötigte medizinische Güter verstärkt im eigenen Land herzustellen. Genauso groß ist der Anteil der Befragten, die sich höhere Investitionen in die technische Ausstattung von Krankenhäusern wünschen. Sogar drei Viertel halten es für notwendig, in Pandemie- und Krisenfällen mehr in die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung zu investieren.

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