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OECD-Studie zur Steuerlast : Deutsche haben wenig Netto vom Brutto

Deutschland hat die zweithöchste Abgabenlast der OECD-Länder. Bild: dpa

Deutschland hat eine der höchsten Steuerlasten unter den Industrieländern. Besonders Alleinstehende zahlen hohe Abgaben, zeigt eine OECD-Studie. Zum Schrumpfen der Mittelschicht trägt aber vor allem ein anderer Kostenfaktor bei.

          Die Steuerbelastung der Deutschen hat im vergangenen Jahr kaum nachgelassen. Daher sind viele Bürger immer noch mit einer der höchsten Abgabenquoten unter den Industrieländern konfrontiert. Das ist das Ergebnis der jüngsten Steuerlast-Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Demnach lag der Anteil von Steuern und Sozialabgaben an den Arbeitskosten für alleinstehende Durchschnittsverdiener 2018 bei 49,5 Prozent. Das war nach Belgien der zweithöchste Wert in der OECD und nur 0,1 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der sogenannte Steuerkeil beschreibt die Differenz zwischen den Personalkosten für die Arbeitgeber und der Geldsumme, welche die Arbeitnehmer netto mit nach Hause nehmen, Kindergeld und andere Sozialleistungen eingeschlossen. Die Personalkosten bestehen aus dem Bruttolohn und den Sozialabgaben der Arbeitgeber. Im Durchschnitt lag dieser „Steuerkeil“ in der OECD 2018 bei 36,1 Prozent – 13,4 Prozentpunkte unter der deutschen Belastungsquote für Alleinstehende. Langfristig, also zwischen 2000 und 2018, ist die Belastung der Alleinstehenden indes um 3,4 Prozentpunkte zurückgegangen, das war fast dreimal mehr als im OECD-Durchschnitt.

          Besser als bei Alleinstehenden steht Deutschland mit Blick auf Familien da, besonders wenn es nur einen Erwerbstätigen gibt. Dort liegt die Abgabenquote durch Steuern und Sozialabgaben bezogen auf die Arbeitskosten bei 34,4 Prozent. In Frankreich und Italien beispielsweise waren es mehr als 39 Prozent. Diese geringere Last ist weitgehend das Ergebnis des Ehegattensplittings und der kostenlosen Mitversicherung von Familienangehörigen in der Krankenkasse.

          Die Mittelschicht schrumpft

          Die Steuer- und Abgabenquote trägt in fast allen Industrieländern zur allgemeinen Kostenbelastung der Menschen bei – vor allem in der Mittelschicht. In einer fast gleichzeitig erschienenen Studie zeigt die OECD, dass die Mittelschicht schrumpft, weil den jungen Menschen der Eintritt schwerer fällt. Verantwortlich sind dafür an erster Stelle die Kosten für Wohnen und Bildung. Die Hauspreise sind im Durchschnitt der Industrieländer seit 1990 um ein Viertel gestiegen und damit dreimal so schnell wie die mittleren Einkommen. So werden heute 35 Prozent der Haushaltsausgaben durch Wohnkosten verursacht; in den neunziger Jahren war es noch etwa ein Viertel.

          Die Mittelschicht definiert die OECD als die Einkommensklasse zwischen 75 und 200 Prozent des Medianeinkommens eines Landes. Früher konnten 70 Prozent der Babyboomer-Generation (geboren zwischen 1942 und 1964) schon zwischen 20 und 30 Jahren in diese Einkommensklasse vordringen. Heute sind es unter den „Millennials“ (geboren zwischen 1983 und 2002) nur noch 60 Prozent. Deutschland schneidet etwas besser ab, der Trend ist jedoch der gleiche. Die deutsche Mittelschicht ist mit 64 Prozent der Bevölkerung etwas größer als im OECD-Durchschnitt von 61 Prozent.

          Die OECD plädiert für umfangreiche Maßnahmen zugunsten der Mittelschicht, etwa bessere Aus- und Fortbildung, ein höheres Niveau an sozialer Absicherung und eine Wohnungspolitik, die Kosten senkt. Eine Entspannung der Lage ist indes nicht zu erwarten. Die Studie ergab auch, dass die fortschreitende Automatisierung in Deutschland einen von sechs Arbeitsplätzen in der Mittelschicht bedroht.

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