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Deutsche Gastronomie : New Yorks neue Bierseligkeit

Bier International: Ousmane Keita und Chris Pollok zeigen Bier-Vielfalt Bild: Nedden, Kai

Deutsche Gastronomie war in der amerikanischen Metropole lange Zeit im Niedergang. Das hat sich geändert. Jetzt feiert sie eine Rückkehr in neuem Gewand: Jünger, hipper - und ein bisschen multikulti.

          Wenn „Mösl Franzi and the Ja Ja Ja’s“ zum Oktoberfest aufspielen, geht es hoch her bei „Zum Schneider“ im New Yorker East Village. Feierwütige könnten auch in die „Koelner Bierhalle“ nach Brooklyn pilgern, wo nicht nur eine Blaskapelle spielt, sondern auch ein Wettbewerb im Maßkrugstemmen auf dem Programm steht. Oder man wagt sich in den brechend vollen Biergarten im „Standard Hotel“ im Meatpacking District. Dort servieren Kellnerinnen in engen weißen T-Shirts, auf die das Oberteil eines Dirndls gedruckt ist. Und selbst in der afroamerikanischen Enklave Harlem gibt es ein mehrwöchiges „Oktobierfest“, veranstaltet vom immens populären Restaurant „Bier International“. Auf eine Wand des einfach eingerichteten Restaurants mit den langen Gemeinschaftstischen aus wiedergewonnenem Holz ist das Wort „Bier“ in mehreren Sprachen gemalt. An der Wand hinter der Bar hängt eine Lederhose.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          New York erlebt ein Comeback der deutschen Bierseligkeit, und das nicht nur zu Oktoberfestzeiten. Lange befand sich die deutsche Gastronomie in der amerikanischen Metropole im Niedergang: Von der einstigen deutschen Bastion im Viertel Yorkville an der Upper East Side sind nur das Restaurant „Heidelberg“ und die Metzgerei „Schaller & Weber“ übrig geblieben - beides recht angestaubte Adressen. Dafür gibt es nun anderswo in der Stadt eine deutsche Renaissance.

          „Zum Schneider“ war vor gut zehn Jahren das erste einer neuen Generation von Restaurants, die auf ein jüngeres, trendigeres Publikum abzielen. In den vergangenen zwei bis drei Jahren ging es dann Schlag auf Schlag: Im Szeneviertel Williamsburg in Brooklyn sind in kurzer Zeit vier deutsch angehauchte Lokale entstanden. Die im August eröffnete „Koelner Bierhalle“ ist einer der jüngsten Neuzugänge. Als Nächstes kündigt sich an der Lower East Side das „Paulaner NYC, Brauhaus and Restaurant“ an. Von Januar an soll dort für bis zu 250 Gäste Bier vor Ort in eigens aus Deutschland importierten Kupferkesseln gebraut werden, kontrolliert von einem Münchner Braumeister - ein Novum für New York.

          Im Schatten der Massenprodukte

          „Amerikaner legen immer mehr Wert auf gutes Bier - und das zieht sie in deutsche Lokale“, erklärt Schneider-Eigentümer Sylvester Schneider die Ausbreitung deutscher Gastronomie in New York. Amerika hatte, ausgehend von den englischen Kolonien und den deutschen Einwanderern des neunzehnten Jahrhunderts, früher eine reiche Bierkultur. Der Bundesstaat New York war für den Anbau von Hopfen bekannt. Aber die Prohibition der zwanziger und frühen dreißiger Jahre sorgte für eine Zäsur. Die meisten Brauereien wurden damals geschlossen. Seither dominieren wenige große Brauereikonzerne wie Anheuser-Busch den Markt. Deutsche Bierliebhaber unterstellen Amerikanern deswegen gewaltigen Nachholbedarf. Marken wie Budweiser sind gemeinhin als wässrige Brühe verpönt.

          Tradition: Rudy Tauscher plant das Paulaner Brauhaus

          Im Schatten dieser Massenprodukte erleben aber schon seit den achtziger Jahren Spezialitätenbiere einen stetigen Aufstieg, die meist von kleineren amerikanischen Brauereien produziert werden. Dieses Segment entwickelt sich überdurchschnittlich gut - im ersten Halbjahr 2012 stieg das Absatzvolumen nach Angaben des Branchenverbandes Brewers Association um 12 Prozent, während der Gesamtmarkt nur minimal zulegte. Diese Dynamik spielt sich noch auf niedrigem Niveau ab - der Anteil der Spezialitätenbiere am Gesamtmarkt liegt bei weniger als 10 Prozent. Aber es ist eine Entwicklung, die nach Auffassung von Schneider auch den Importbieren und somit der deutschen Gastronomie in New York zugutekommt.

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