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Um mehr als vier Prozent : Deutsche CO2-Emissionen sinken erstmals wieder

  • -Aktualisiert am

Haben die Freitagsdemonstranten schon ihr Ziel erreicht? Bild: dpa

Erstmals seit vier Jahren sind die klimaschädlichen Emissionen in Deutschland wieder zurückgegangen. Das liegt auch an Sondereffekten.

          3 Min.

          Die deutschen Treibhausgasemissionen sind im vergangen Jahr nach vier Jahren der Stagnation wieder deutlich zurückgegangen. Mit 868,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Emissionen sankt der Ausstoß um 38 Millionen Tonnen oder 4,2 Prozent. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Prognoseberechnung des Umweltbundesamtes hervor. Zuvor hatte die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen mitgeteilt, dass die energiebedingten CO2-Emissionen in Deutschland 2018 um rund 34 Millionen Tonnen oder 4,8 Prozent gesunken waren.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Das Umweltbundesamt bestätigte, dass es in der Energiewirtschaft und den Haushalten zu den größten Rückgängen gekommen sei. Auch im Verkehrssektor, der im Vergleich der Wirtschaftssektoren gegenüber dem Bezugsjahr 1990 seine Emissionen kaum gemindert hat, seien sie 2018 leicht gesunken. Als Gründe dafür nennt das Umweltbundesamt den sinkenden Verbrauch von fossilen Energien und die außergewöhnliche warme Witterung im vergangenen Jahr. Im Vergleich zu 1990 habe Deutschland seine Emissionen damit Ende 2018 um 30,6 Prozent reduziert. Bis 2020 wollte die Regierung die Marke von 40 Prozent erreichen, hat das Ziel aber inzwischen aufgegeben. Bis 2030 will sie die Emissionen um mindestens 55 Prozent senken.

          Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte, nach Jahren der Stagnation gingen die CO2-Emissionen „endlich wieder zurück“. Das liege auch an Witterungs- und anderen Sondereffekten. „Aber es zeigt auch: Klimaschutzmaßnahmen wie Ökostromausbau, Kohleausstieg und Emissionshandel wirken.“

          Doch reichten die bisherigen Anstrengungen nicht aus. „Wir brauchen allerdings mehr davon, nicht nur bei der Stromerzeugung, sondern auch beim Verkehr, beim Heizen oder bei der Landwirtschaft.“ Sie warb einmal mehr für ihr von der Union zunächst verhindertes Klimaschutzgesetz. „Dieses Gesetz muss in diesem Jahr beschlossen werden, ebenso wie Maßnahmenpakete in allen Bereichen, damit Deutschland wieder auf Zielkurs kommt“, sagte Schulze.

          Windkraft leistet größten Beitrag

          Die Präsidentin des Umweltbundsamtes, Maria Krautzberger, unterstricht die Bedeutung der regenerativen Energien. Damit seien im vergangenen Jahr rechnerisch rund 184 Millionen Tonnen Kohledioxid weniger ausgestoßen worden. Den größten Beitrag mit knapp 75 Millionen Tonnen habe die Windenergie erbracht. „Umso wichtiger ist es, den Ausbau der Windkraft weiter voranzutreiben.“ Sie wandte sich gegen pauschale Mindestabstände von Windenergieanlagen zu Wohngebieten, wie sie von mehreren Ländern verlangt werden. Das brächte den Ausbau der Windenergie ins Stocken, warnte Krautzberger. Umwelt- und Gesundheitsfragen sollten „jeweils vor Ort individuell geprüft werden.“

          Nach Sektoren betrachtet brachte die Energiewirtschaft die größte Senkung. Den deutlichsten Emissionsrückgang habe die Steinkohle verzeichnet. Ein Grund dafür sei auch der gestiegene Preis für CO2-Emissionszertifikate. 2018 seien Steinkohle-Kraftwerke mit 1500 Megawatt Leistung stillgelegt worden. Auch der Dürresommer 2018 habe dazu seinen Beitrag geleistet, weil die Flussschifffahrt wegen niedriger Pegelstände weniger Kohle und nur zu höheren Preisen anlanden konnte.

          Weil Haushalte und Kleinverbraucher wegen der warmen Witterung ihren Heizölverbrauch stark senkten, emittierten sie 15 Millionen Tonnen oder fast 11 Prozent weniger CO2. Im Verkehrssektor sanken die Emissionen um 5 Millionen Tonnen oder knapp 3 Prozent. Der Rückgang betreffe nicht nur Benzin, sondern erstmals seit vielen Jahren auch Dieselkraftstoff, erklärte das Umweltbundesamt.

          Sprunghafter Anstieg der Energieproduktivität

          In der Industrie sanken die Emissionen 2018 um 4 Millionen Tonnen oder 2,8 Prozent. Im Maschinenbau und der Pharmaindustrie seien die Emissionen gestiegen, in der Herstellung von Stahl, Autos und chemischen Produkten gesunken. Während in der Landwirtschaft die Treibhausgas-Emissionen geringfügig wegen größerer Tierbestände um 0,7 Prozent anzogen, emittierte der Abfallsektor 5,3 Prozent weniger CO2 als im Vorjahr zurück. Grund sei die vermehrte Mülltrennung und das Recycling.

          Die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen hatte zuvor erklärt, dass der deutsche Energieverbrauch 2018 auf den niedrigsten Stand seit Anfang der 1970er Jahre gefallen sei. Mit einem Verbrauch von 442,3 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten habe er um 3,5 Prozent unter dem Vorjahreswert gelegen. Grund dafür seien deutlich gestiegene Energiepreise, die mildere Witterung sowie ein starker Anstieg der Energieproduktivität.

          Verbrauchssteigernde Faktoren wie die Wirtschaftsentwicklung und der Bevölkerungszuwachs seien dagegen in den Hintergrund getreten. Auch ohne die milde Witterung wäre der Energieverbrauch um 2,4 Prozent gesunken. Zu den Überraschungen der Verbrauchsentwicklung zähle der sprunghafte Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Energieproduktivität um 5,2 Prozent. Die Kennzahl berechnet sich aus dem Energieaufwand je Einheit Wirtschaftsleistung.

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