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Finanzdienstleistungen : Deutsche Börse eröffnet Fintech-Zentrum in Frankfurt

Carsten Kengeter, Chef der Deutschen Börse, stellt Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir die Pläne für die Fintech-Initiative des Konzerns vor. Bild: Setzer, Claus

Die Deutsche Börse bietet jungen Start-ups Räume, IT und Kontakte. Eine Studie der Unternehmensberatung EY sieht London allerdings momentan noch weit vor Deutschland.

          So stellt man sich den richtigen Raum vor, wo junge Kreative Ideen für die Finanzbranche schmieden sollen. Ein ehemaliges Fabrikgebäude mit loftig luftigen Büroräumen und großartigem Blick auf die Frankfurter Bankentürme. Im direkten Umfeld herrscht aber nicht der kühle Hochhausflair des Bankenviertels. Das Gebäude liegt vielmehr im In-Viertel Bornheim, nahe dem Künstlerhaus Mousonturm und der Kneipenmeile Berger Straße. Die Deutsche Börse richtet dort gerade ein Zentrum für Fintechs ein. Im April sollen die ersten jungen Unternehmen mit guten Technologieideen für die Finanzwelt einziehen. 60 bis 100 Menschen sollen dort einmal arbeiten, bestens ausgestattet mit der IT des Börsenkonzerns.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Räume, die der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, und der hessische Wirtschaftsminister, Tarek Al-Wazir (Grüne), am Mittwoch vorstellten, sind der erste konkrete Schritt in den aktuellen Bemühungen mehrerer Finanzplatzakteure, Frankfurt zu einem Zentrum für die vibrierende Start-up-Szene mit Bankgeschäften zu machen.

          „In Sachen Fintech kann es gar nicht schnell genug gehen“

          Nach einer Studie, die die Unternehmensberatung EY am Mittwoch in London vorstellte, hat das deutsche Finanzzentrum auch noch reichlich Aufholbedarf. Demnach wurden in Kalifornien im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Pfund (4,6 Milliarden Euro) in Fintechs investiert, die für die traditionellen Banken im schlechten Fall zur gefährlichen Konkurrenz, im guten zur sinnvollen Ergänzung werden können. In Deutschland waren es gerade einmal 390 Millionen Pfund. Die besten Voraussetzungen für die Fintech-Szene sehen die Experten in London. Als Problem des an sich riesigen deutschen Marktes bezeichnen sie dessen Komplexität und dass sich die Entwickler auf mehrere Zentren in Berlin, München und Frankfurt verteilten.

          Auch Al-Wazir begründete seinen Einsatz für ein Fintech-Zentrum in Frankfurt am Mittwoch damit, dass viele junge Kreative in Deutschland erst einmal nach Berlin gingen, um dort ihre Ideen zu entwickeln. Für Kundengespräche müssten sie dann aber doch meistens nach Frankfurt kommen, weil hier die entsprechenden Finanzunternehmen sitzen. Die Initiative der Börse kommt dem Vorhaben des Landes zuvor, in Frankfurt ein Fintech-Zentrum einzurichten, für das mehrere Finanz-, Technologie- und Immobilienunternehmen schon Konzepte vorgelegt haben (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Februar).

          Am Mittwoch bemühten sich zwar alle, den Vorstoß als sinnvolle und gewollte Ergänzung dazu darzustellen. Schließlich hätten auch andere Unternehmen wie die Commerzbank schon eigene Fintech-Anlaufstellen eingerichtet. Doch es wurde auch klar, dass der tatkräftige Kengeter keine Lust hatte, auf breite Kompromisse zu warten. „Es gibt eine lange Liste mit größeren Örtlichkeiten – wir wollten ein bisschen Schwung in die Sache bringen“, sagte Kengeter. „In Sachen Fintech kann es gar nicht schnell genug gehen.“

          Internet immer wichtiger für Banken

          Neben den Start-ups sollen auch zehn Mitarbeiter der Deutschen Börse in das ehemalige Fabrikgebäude ziehen, die den jungen Finanztechnologen mit Rat und Tat aus der Praxis zur Seite stehen. Sie sollen ihnen den Kontakt zu den großen Finanzunternehmen ermöglichen und zeigen, wie sie an Kunden kommen und sich auf deren Bedürfnisse ausrichten können. Während der Konzern vor wenigen Jahren das Gros seiner Frankfurter Mitarbeiter samt Unternehmenszentrale aus der Innenstadt ins steuergünstige Umland verlegt hat, weil die Kostenersparnis wichtiger war als der gute Draht zum Rest des Finanzplatzes, kommt nun also ein kleiner Teil wieder zurück in die Stadt.

          Einen konkreten Bezug zum Geschäft der Deutschen Börse müssen die Start-ups laut Kengeter nicht haben. Vielmehr wolle man ein breites Spektrum an Ideen fördern. „Im Zahlungsverkehr und in anderen Bankgeschäften gibt es inzwischen viele Fintechs. Jetzt geht es möglicherweise mehr in Richtung Versicherungsgeschäft“, sagte Kengeter. Zu den drei Start-ups, die schon sicher zum April in das Gebäude einziehen, zählen zwei Finanzportale und ein Fintech, dass sich auf das Versicherungsgeschäft konzentriert, wie es am Rande der Veranstaltung hieß. Die Start-ups seien auch nicht dazu verpflichtet, sich an den Konzern zu binden, sagte Kengeter. Er gehe allerdings davon aus, dass einige von ihnen die Nähe zur Börse gerne nutzen werden. So könnte der Konzern zum Beispiel Marktdaten zur Verfügung stellen, die für ein junges Start-up sonst zu teuer wären.

          Aus seiner Sicht soll das neue Fintech-Zentrum auch Raum zum Scheitern bieten. „Nicht alle Start-ups sind prädestiniert, das Ziel ihrer Träume zu erreichen“, sagte Kengeter. Deswegen sei es gut, mit solchen Räumen einem ganzen Portfolio von Ideen eine Chance zu geben, bei denen auch mal welche ausfallen könnten. Al-Wazir verdeutlichte auch noch einmal, wie wichtig es aus seiner Sicht ist, Frankfurt zu einem Fintech-Zentrum zu machen. Schon im vergangenen Jahr habe ein Fünftel aller Volljährigen keine Bankfiliale mehr besucht. Ihre Dienste über das Internet anzubieten werde also auch für die traditionellen Banken immer wichtiger.

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