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Finanzhäuser im Stresstest : Verlierer sind die deutschen Banken

  • -Aktualisiert am

Wenig stressresistent: Frankfurt konnte auf seine große Privatbanken schon einmal stolzer sein. Bild: Marc-Steffen Unger

Die europäische Bankenaufsicht (EBA) hat die jüngsten Ergebnisse des Stresstests veröffentlicht. Vor allem deutsche Banken landen weit hinten. Über die großen Verlierer der Prüfung.

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          Wenn eine Lehre aus der Finanzkrise zu ziehen ist, dann diese: Die Banken brauchen mehr Eigenkapital, um Versagen des Managements und sonstiges Unheil abzufedern. Der Steuerzahler soll sie nicht noch mal retten müssen, so hieß das Versprechen. Zu prüfen sind die Fortschritte mittels Stresstest.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In der Nacht zum gestrigen Samstag hat die Europäische Bankenaufsicht (EBA) nun das jüngste Ergebnis vorgelegt. Und wie zu vermuten haben die Prüflinge sich hinterher selbst gelobt. Man sei auf gutem Weg, heißt es in einer gemeinsamen Botschaft der deutschen Finanzbranche: „Auch in diesem sehr strengen Belastungsszenario zeigen die deutschen Kreditinstitute ihre Widerstandsfähigkeit.“

          Wirklich? So ganz wohl nicht, unkt die Wirtschaftsweise Isabel Schnabel, da der Stresstest den größten Stress der Banker ignoriert hat: „Wesentliche Risikofaktoren wie die Niedrigzinsphase wurden ausgeblendet“, kritisiert die Ökonomin. Sie baut darauf, dass der „Druck der Märkte stärker ausfallen könnte als die der Aufseher“. Denn so lässig, wie die Banker es gerne hätten, sind die Ergebnisse nicht zu deuten. „Europäischen Banken drohen Kapitallücken bis zu 20 Milliarden Euro im Stressfall“, warnt Philipp Wackerbeck, Geschäftsführer von PWC Strategy. Der Finanzexperte rechnet damit, dass die Europäische Zentralbank im Dezember einige Banken zu Kapitalerhöhungen auffordern wird.

          Bittere Botschaft für Deutschland

          Bei 51 Banken in Europa hat die Aufsicht geprüft, wie sie Schocks abfedern können. Getestet wurde etwa ein heftiger Absturz der Wirtschaft oder auch der Einbruch der Immobilienpreise.

          Die bittere Botschaft aus deutscher Sicht: Unter den zehn anfälligsten Banken finden sich die zwei großen deutschen Häuser, Deutsche Bank wie Commerzbank, weswegen beide umgehend ihre Robustheit versichern: „Unsere Bilanz ist gesund“, betont Deutsche-Bank-Risikovorstand Stuart Lewis. Marcus Chromik, der Risikovorstand der Commerzbank, sagt: „Wir sind widerstandsfähig und stressresistent.“

          Welche Bank ist am anfälligsten für eine Krise?

          Eine unangenehme Überraschung ist es in jedem Fall, dass die beiden Banken in den Blickpunkt geraten und dass Deutschland generell zu den Verlierern des Stresstest gehört. Für das ungünstige Szenario, den eigentlichen Stress, seien die negativen Folgen auf das Eigenkapital nur in Irland höher, erläutert Strategieberater Philipp Wackerbeck: „Selbst Spanien und Italien stecken das besser weg.“

          Not der italienischen Traditionsbank

          Die akute Not der italienischen Traditionsbank „Monte dei Paschi“ war seit Wochen bekannt, in der Nacht zum Samstag hat sie einen milliardenschweren Rettungsplan vorgelegt, gerade rechtzeitig, bevor die Bank mit einer negativen Eigenkapitalquote aus dem Stresstest herausging. Die anderen Italiener haben relativ gut abgeschnitten, die deutschen Institute eher schwach. Rühmliche Ausnahme ist die „Förderbank Nordrhein-Westfalen“, die auf Platz eins insgesamt landet, aber einen Sonderfall darstellt, ohne Risiko- und Kundengeschäft.

          Außerdem ist positiv zu vermerken, dass die Kreditbücher der deutschen Konzerne solider sind als beim letzten Test und besser als im Rest Europas. Das heißt: Das Ausfallrisiko von Krediten ist geringer. Außerdem haben die deutschen Banken in der vergangenen beiden Jahren ihr Kapital erhöht.

          Woran also liegt das schlechte Abschneiden im Stresstest? Ein Grund ist im Prozedere zu suchen, ein anderer – gefährlicherer – im Grundsätzlichen, dazu später mehr. Zunächst zu den Regularien, welche die hinteren Ränge erklären. Universalbanken werden im Stresstest tendenziell schlechter behandelt, da die Risiken einzelner Bereiche addiert werden. Und vor allem: Die Tester haben ein „Verhaltens-Risiko“ eingeführt, das misst, wie kriminelle Energie und mangelhafte Kontrolle einen Konzern in Verlegenheit stürzen können: Da sieht es schlecht aus für die Banken hierzulande.

          Nächste Katastrophe passiert an einem anderen Ort

          Die Commerzbank hatte im Zusammenhang mit Iran-Geschäften in Amerika die teuerste Strafe ihrer Geschichte zu berappen. Die Deutsche Bank schleppt einen Wust an Rechtsstreitigkeiten hinter sich her, für den daraus erwarteten Schaden hat die Bank seit 2012 12 Milliarden Euro Reserven gebildet, weitere 12 Milliarden hat der Abbau von Schrottpapieren gekostet. „Für jede Milliarde“, sagt Vorstand Lewis, „hätten wir heute 0,25 Prozentpunkte mehr Eigenkapital.“ Die Welt sähe anders aus.

          Tatsächlich liegt ein Problem solcher Stresstests darin, dass sie Vergangenheit fortschreiben, auch wenn jeder ahnt: Die nächste Katastrophe im Finanzsektor passiert an einem anderen Ort.

          Damit gelangen wir zum grundsätzlichen, dem eigentlichen Problem: Die deutschen Banken sind weniger profitabel als die europäische Konkurrenz. Und wo keine Gewinne sind, da bildet sich kein Eigenkapital. So einfach beziehungsweise so schwierig ist das. Die Deutsche Bank, die vorige Woche einen kümmerlichen Gewinn gemeldet hat, hat bereits härtere Sparanstrengungen angekündigt. Auch dies wird schwerlich genügen, solange der Nullzins den Kern des Geschäfts angreift: Geld einsammeln und zu höherem Zins verleihen. Das hat sich in Zeiten des Negativzins erledigt. „Die Banken werden radikaler vorgehen müssen“, sagt PWC-Mann Wackerbeck. „Die Kosten um 10 oder 15 Prozent zu senken reicht nicht mehr.“

          Die Renditen der Banken liegen mit 6,5 Prozent im Schnitt weit unter dem Vorkrisenniveau, als 15 bis 20 Prozent erreicht wurden, manche gar von 25 Prozent geträumt haben. Heute ist mit Banken kein Staat zu machen, die Investoren haben längst die Lust an ihnen verloren, wie die Aktienkurse beweisen: Der Börsenwert von Europas Banken, gemessen am jeweiligen Vermögen in der Bilanz, hat sich von April 2015 bis Juli 2015 halbiert. Das ist der wahre Stress für die Leute in den Bankentürmen.

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