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Deutsche Bank : Kehrtwende nach sieben Jahren

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Die Türme der Deutschen Bank im Nebel Bild: Setzer, Claus

Wohin steuert die Deutsche Bank? Sieben Jahre nach dem Einstieg bei der Postbank, will sich das Management wieder von der Mehrheit an dem Bonner Institut trennen. Zudem soll das Kapitalmarktgeschäft schrumpfen. Fragen und Antworten zur neuen Strategie.

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          Seit Monaten wurde diskutiert, analysiert, spekuliert. Am späten Freitagabend fiel in einer Sondersitzung des Aufsichtsrates die Entscheidung: Der Konzern verkauft große Teile der Postbank und gibt die Mehrheit an dem Bonner Institut auf. Auch das Investmentbanking muss Federn lassen. Die Details will die Konzernführung an diesem Montag (27.4.) vorlegen.

          Warum braucht die Deutsche Bank eine neue Strategie?

          Deutschlands größtem Geldhaus ist es seit der Finanzkrise 2007/2008 nicht gelungen, seine Gewinne zu stabilisieren. Eigentlich wollte die Bank mit eingesetztem Kapital 12 Prozent nach Steuern verdienen, im vergangenen Jahr sprangen gerade einmal 2,7 Prozent Rendite heraus. Die Kosten für Rechtsstreitigkeiten sind größer als angenommen, die anhaltenden Minizinsen belasten ebenso wie immer schärfere Vorgaben der Aufseher weltweit. Die Bank will, ja muss, schrumpfen, um immer strengeren Kapitalanforderungen der Regulatoren gerecht zu werden.

          Wie sieht das Geschäftsmodell der Deutschen Bank derzeit aus?

          Gegen alle Widerstände verteidigte das Management zuletzt öffentlich immer wieder das Konzept einer Universalbank, die weltweit von Angeboten für Privatkunden über die Vermögensverwaltung für reiche Kunden bis zum Kapitalmarktgeschäft alle Bankdienstleistungen anbietet. Dies sei der ausdrückliche Wunsch zahlreicher Kunden. Nach der Entscheidung vom Freitag stellte die Gewerkschaft Verdi zufrieden fest: Damit halte „der Vorstand der Deutschen Bank am Modell einer Universalbank mit einem starken Heimatmarkt in Deutschland fest“. Allerdings legen Aufseher gerade an dieses Geschäftsmodell besonders strenge Maßstäbe an. Sie wollen vor allem Einlagen von Privatkunden gegen das schwankungsanfällige Kapitalmarktgeschäft abschirmen.

          Führen gemeinsam die Deutsche Bank: Jürgen Fitschen (l) und Anshu Jain
          Führen gemeinsam die Deutsche Bank: Jürgen Fitschen (l) und Anshu Jain : Bild: dpa

          Wo verläuft innerhalb der Bank die Konfliktlinie?

          Die monatelange Strategiedebatte ließ alte Gräben wieder aufbrechen. Aus dem Lager der Investmentbanker, deren oberster Chef der heutige Konzern-Co-Chef Anshu Jain lange war, wird gerne auf die schwachen Gewinnbeiträge aus dem Privatkundengeschäft verwiesen. Umgekehrt dringt seitens der Privatkundenvertreter der Vorwurf nach außen, es seien die Investmentbanker gewesen, die mit windigen Geschäften für einen Großteil der teuren Altlasten der Bank verantwortlich seien. Auf ganzer Linie durchsetzen konnte sich keine Seite. Die Bank betonte in ihrer Mitteilung vom Freitag zudem: Der Aufsichtsrat habe sich einstimmig hinter den neuen Kurs des Vorstandes gestellt.

          Bild: F.A.Z.

          Was passiert mit der Postbank?

          Bei der Postbank war die Deutsche Bank mitten in der Finanzkrise im September 2008 mit knapp 30 Prozent als größter Einzelaktionär eingestiegen. Gut zwei Jahre später sicherte sich Deutschlands
          größtes Geldhaus die Mehrheit an dem Bonner Institut. Seit dem vergangenen Herbst wurde nun über die Zukunft der Bonner Tochter spekuliert: Ein Verkauf der Postbank oder die Aufspaltung des Konzerns in eine Unternehmerbank einerseits und eine Privatkundenbank inklusive Postbank andererseits. Nun ist entschieden: Die Postbank wird „entkonsolidiert“. Damit hält sich die Deutsche Bank die Art der Trennung offen. Möglich ist nach Angaben eines Sprechers ein Komplettverkauf der Postbank oder der Verkauf von Aktienpaketen über die Börse. In jedem Fall will die Deutsche Bank ihren Anteil an der Bonner Tochter von 94,1 Prozent mindestens unter 50 Prozent senken. Nach Darstellung der in der Postbank stark vertretenen Gewerkschaft Verdi hat der Aufsichtsrat beschlossen, dass die Postbank im Rahmen eines Börsengangs abgespalten werden soll.

          Wie reagieren die Postbank-Beschäftigten?

          Für die insgesamt 14.800 Beschäftigten der „gelben“ Bank, wie die Postbank auch intern bei der „blauen“ Deutschen Bank genannt wird, war es eine nervenaufreibende Hängepartie - zumal auch die Tarifverhandlungen bei der Postbank stocken und dort seit Montag gestreikt wird. Am Tag der Sondersitzung des Aufsichtsrates mobilisierte die Gewerkschaft Verdi nach eigenen Angaben etwa Postbank-Beschäftigte für eine Kundgebung vor der Frankfurter Deutsche-Bank-Zentrale. Unmittelbar nach der Entscheidung des Aufsichtsrates bekräftigte Verdi-Chef Frank Bsirske in einer Mitteilung die Entschlossenheit der Gewerkschaft, sich für eine Verlängerung des Kündigungsschutzes bei der Postbank einzusetzen.

          Postbank-Filiale in Berlin
          Postbank-Filiale in Berlin : Bild: Reuters

          Welche Rolle spielt die zunehmende Digitalisierung des Bankgeschäfts?

          Überweisung vom heimischen PC aus, Kontoabfrage per Smartphone, Baufinanzierung per Videoberatung - immer mehr Bankkunden regeln ihre Geldgeschäfte digital. Viele gehen kaum noch oder gar nicht mehr in eine Filiale - dennoch will eine Mehrheit der Kunden laut Umfragen nicht auf den Berater um die Ecke verzichten. Die Branche muss einen Spagat schaffen. Historisch niedrige Zinsen verschärfen den ohnehin harten Wettbewerb um Privatkunden in Deutschland.

          Was tut die Deutsche Bank auf diesem Feld?

          Ganz auf Filialen verzichten wird die Deutsche Bank in absehbarer Zeit nicht. „Es wäre ein Riesenfehler, wenn wir uns aus dem Filialgeschäft verabschieden würden“, hatte Manager Christian Ricken betont. Er räumte aber auch ein: Das Filialsterben wird weitergehen. Der Abbau werde sich in ähnlicher Geschwindigkeit wie zuletzt fortsetzen. In den vergangenen 15 Jahren war die Zahl der Deutsche-Bank-Standorte von 1200 auf gut 700 zurückgegangen. Noch ist offen, in welchem Umfang die Deutsche Bank weitere Filialen schließt.

          Wie deutsch ist die Deutsche Bank eigentlich?

          „Keine deutsche Bank ist so global wie wir, keine globale Bank ist so deutsch wie wir“ - so rief es Co-Chef Jain den Aktionären bei der Hauptversammlung im Mai 2014 zu. De facto ist der deutsche Branchenprimus die einzige Geschäftsbank von internationalem Rang, die ihren Stammsitz in Deutschland hat. Der Frankfurter Dax-Konzern ist damit in der Bankenbranche der einzige „Global Player“, wie ihn sich auch die Berliner Bundespolitik wünscht. Ende 2014 wurde gut die Hälfte (57 Prozent) des Grundkapitals der Bank von Aktionären in Deutschland gehalten.

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