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Deutsche Bank : Doppelspitze für den Umbruch

Jürgen Fitschen und Anshu Jain Bild: dpa

Die neue Führung der Deutschen Bank um Anshu Jain und Jürgen Fitschen musste in ihrem ersten Jahr mit der schwersten Vertrauenskrise der Bank kämpfen. Der geplante Kulturwandel lässt noch auf sich warten. Heute treten Jain und Fitschen vor die Aktionäre.

          Es wird ein Signal sein, wenn an diesem Donnerstag Anshu Jain vor die Aktionäre der Deutschen Bank treten wird: Der gebürtige Inder wird eine Rede auf Deutsch halten. Es wird sich wohl um mehr handeln als nur um warme Begrüßungsworte. Doch wird der Ko-Vorstandsvorsitzende auf der Hauptversammlung in Frankfurt keine Fragen der Aktionäre beantworten. Diese Aufgabe übernimmt wie schon auf der außerordentlichen Hauptversammlung im April der Kollege an der Doppelspitze, Jürgen Fitschen. Der neue Präsident des Bankenverbandes wird auch die Hauptrede halten.

          Aber die kurze Rede auf Deutsch zeigt: Jain will auf die deutsche Öffentlichkeit zugehen. Dass das höchste Amt der Deutschen Bank eine politische Dimension hat, dem war sich Vorgänger Josef Ackermann stets bewusst. Ihn hatten Jain und Fitschen auf der Hauptversammlung vor einem Jahr abgelöst. Die Doppelspitze will bis zum Aktionärstreffen in zwei Jahren die Altlasten so weit wie möglich abarbeiten. Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Denn auf der Hauptversammlung 2015 endet Fitschens Vertrag. Dann wird er 66 Jahre alt sein.

          Die Kernthemen der strategischen Neuausrichtung sind Kapital, Kosten und Kultur. Mit der überraschenden und erfolgreichen Kapitalerhöhung Ende April zog die Bank in der Kapitalausstattung an Wettbewerbern wie Credit Suisse oder JP Morgan vorbei. Die Kapitalfrage, die Investoren zuvor immer wieder gestellt hatten, scheint gelöst zu sein. Auch der Kostenabbau macht Fortschritte, wie an den guten Ergebnissen im ersten Quartal zu erkennen ist. Aber die Wegstrecke ist noch lang. Weitere Schritte sind nötig, doch der befürchtete Abbau Tausender Arbeitsplätze auf einen Schlag droht derzeit wohl nicht. Durch die engere Verzahnung der Sparten werden kostspielige Doppelarbeiten vermieden und Synergien geschaffen.

          Die Erfolgsprämie war wichtiger als die Kundenzufriedenheit

          Ein schwieriger, aber entscheidender Prozess, der auch in zwei Jahren nicht abgeschlossen sein wird, ist dagegen der Kulturwandel. Dessen wesentliche Merkmale sind eine am nachhaltigen Erfolg ausgerichtete Vergütungspolitik sowie eine stärkere Orientierung der Mitarbeiter an rechtlichen und ethischen Prinzipien, nicht zuletzt an der Kundenzufriedenheit. Die Sünden der Vergangenheit, vor allem im von Jain verantworteten Investmentbanking, haben zu einem Ansehensverlust geführt, der in der Geschichte der Bank wohl einmalig ist.

          Die Rechtsrisiken sind vielfältig. Sie haben die Aktionäre schon 2,4 Milliarden Euro Rückstellungen gekostet und dürften weitere hohe Summen erfordern. Umsatzsteuerbetrug im Handel mit Emissionszertifikaten, Klagen von Investoren wegen verlustreicher Hypothekenanleihen und die Verwicklung in die Manipulation von Referenzzinsen wie dem Libor sind nur einige Beispiele aus der langen Liste an Vorwürfen. Das Vertrauen der Kunden - und damit das wichtigste Kapital der Bank - droht zu schwinden. So nötig der Kulturwandel ist, er zeigt, welche Einstellung einige Mitarbeiter in den vergangenen Jahren hatten. Die Erfolgsprämie war wichtiger als die Zufriedenheit der Kunden.

          Doch den mit Jain in Gang gesetzten Kulturwandel wird Fitschen nicht abschließen können, bis er in zwei Jahren abtritt. Die Spekulationen um seine Nachfolge werden deutlich früher beginnen. Ein Kandidat ist Rainer Neske, der im Vorstand die Privat- und Geschäftskundenbank verantwortet. Neske spürt über die Filialen den Vertrauensverlust der Kunden direkt. Dass er einen tiefgreifenden Wertewandel fordert und sich von der Mentalität der Investmentbanker absetzt, wundert deshalb nicht.

          Das Problem der Doppelspitze sind die Spaltkräfte

          Der Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner wird darauf bedacht sein, die Fehler seines Vorgängers Clemens Börsig bei der Suche nach Ackermanns Nachfolger zu vermeiden. Doch er muss sich einer grundsätzlichen Frage stellen: Will die Deutsche Bank an der Doppelspitze festhalten, oder wird es einen alleinigen Vorstandsvorsitzenden geben? Investoren, die Verständnis für die Doppelspitze als Übergangslösung haben, wünschen sich mittelfristig nur einen Vorstandschef.

          Ein erklärtes, aber bislang wenig beachtetes Ziel der Doppelspitze ist das Aufbrechen der Silostrukturen. Sämtliche Bereiche vom Filialgeschäft bis zum Investmentbanking werden enger verbunden. So erhielt die Vermögensverwaltung von der Investmentbank das Geschäft mit Indexfonds und Zertifikaten. Jains früherer Bereich gab zudem das Geschäft mit 11500 deutschen Firmenkunden an die Privat- und Geschäftskundenbank ab. Dafür ziehen Vertraute von Jain in die Führungsgremien anderer Sparten ein wie etwa Michele Faissola, der die Vermögensverwaltung leitet.

          Die engere Verzahnung der Sparten legt künftig klare Verhältnisse an der Führungsspitze nahe. Ob eine Doppelspitze diese auf Dauer schafft, den Beweis sind Jain und Fitschen noch schuldig. Denn ihr erstes Jahr war geprägt von der schwersten Vertrauenskrise, der die Bank bislang ausgesetzt war. Außerhalb der Bank entstand zeitweise der Eindruck, Jain duckt sich weg und Fitschen steckt die Prügel ein. Ob dies zutrifft oder nicht, das Problem der Doppelspitze sind die Spaltkräfte - innen und außen.

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