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Deutsche Bank : Der Machtwechsel

  • -Aktualisiert am

Deutsche Bank in Frankfurt Bild: Kaufhold, Marcus

Die Kränze für Ackermanns Lebenswerk werden gebunden, seine Patzer beim Abgang verblassen. Drei Männer übernehmen jetzt die Deutsche Bank: Es soll friedlich aussehen, ist es aber nicht.

          5 Min.

          Ein letztes Mal hat Josef Ackermann in der Nacht zum Samstag Hof gehalten in Davos. Im Hotel Belvedere, dem wahren Zentrum des Weltwirtschaftsforums, empfängt die Deutsche Bank wichtige Kunden und sonstige Prominenz. Stundenlang schüttelt Ackermann Hände, schäkert mit Notenbankern, Nobelpreisträgern, Nachtschwärmern.

          Er freue sich auf sein neues Leben, sagt Ackermann in einer kurzen Ansprache, konkrete Pläne verrät er nicht. Im Liegestuhl wird sich sein Ruhestand nicht abspielen, so viel ist klar. Ackermann sieht sich auf dem Feld zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik; „zu je einem Drittel“. Ziemlich sicher ist, dass er in den Verwaltungsrat der „Zurich Financial“ einzieht, wie einer in Davos berichtet, der es wissen muss: „Wir Schweizer sind stolz auf ihn.“

          Als der Mann, der den Deutschen die Bank gegeben hat, die ihrer Stellung in der Welt entspricht: So würde Ackermann gern in die Geschichte eingehen. An Lob dafür, wie er die Krise gemeistert hat, ist kein Mangel. Die Patzer beim Abgang, die unrühmliche Nachfolgersuche und der missglückte Sprung in den Aufsichtsrat verblassen, nun, da die Kränze für Ackermanns Lebenswerk gebunden werden: Davos erlebt einen Mann, der mit sich im Reinen ist, der bis spät in die Nacht seine Runden dreht, dazu - als oberster Repräsentant der Banken weltweit - immer mit einem Ohr in Griechenland.

          Operation Machtwechsel längst im Gange

          Am kommenden Donnerstag wird Ackermann noch die Bilanz vorlegen, Ende Mai endet dann offiziell die Amtszeit. Intern ist die Operation Machtwechsel freilich längst im Gange, auf dem Weltwirtschaftsforum wird sie erstmals auch vor Publikum inszeniert: Jürgen Fitschen und Anshu Jain als Co-Chefs sowie der ebenfalls frisch ausgerufene Chefkontrolleur Paul Achleitner, noch Vorstand der Allianz, zeigen sich als harmonisches Triumvirat beim fröhlichen Netzwerken.

          Abschied in Davos: Josef Ackermann
          Abschied in Davos: Josef Ackermann : Bild: dapd

          Auf Burdas „Night-Cap“ posieren sie gegen Mitternacht gar für ein erstes Familienfoto, tagsüber flanieren die Gattinnen gemeinsam über die Promenade. Die Stabübergabe rückt näher.

          Innerhalb der Bank richten sich die Truppen seit Monaten auf die neuen Verhältnisse aus. Wer noch etwas vorhat mit seiner Karriere, weiß was zu tun ist: „Nichts wird mehr entschieden, was Jain oder Fitschen missfallen könnte“, berichtet ein Banker. Es wird Sieger und Verlierer geben unter dem neuen Regiment, und irgendwann auch eine Antwort auf die Frage: Wer von den Dreien ist die wahre die Nummer Eins? Wer der neue „Mister Deutsche Bank“?

          Ein Gespann als Experiment

          Im Moment meldet keiner der Protagonisten derlei Ansprüche an, das wäre auch unklug. Die Formel lautet: Wir haben unser Aktiengesetz gelesen. Soll heißen: Jeder fügt sich in seine Rolle. Die Geschäfte führt der Vorstand gemeinsam, der Aufsichtsrat kontrolliert. Darüber hinaus brauche eine Bank keine Personality-Show, ist die versteckte Botschaft - dass die Anspielung Ackermann gilt, muss nicht eigens erwähnt werden.

          Wie sie ihre Aufgaben im Detail aufteilen, das werden Fitschen und Jain den Top-200 im Konzern auf einer Strategietagung im April in Montreux offenbaren: Klar und sauber soll es jedenfalls zugehen, mit möglichst wenig Reibungen. Da der Beweis noch aussteht, dass Doppelspitzen eine besonders effiziente und friedvolle Art sind, Konzerne zu führen, bemühen sich die Protagonisten im Vorfeld um herzzerreißende Innigkeit: Fünfmal täglich werde zwischen Fitschen und Jain telefoniert, noch viel mehr gemailt. Überhaupt sei die Zweier-Lösung das reine Glück, lassen sie kolportieren.

          Ein Experiment ist das Gespann in jedem Fall: Deutschlands einzige Bank von Weltrang regieren künftig ein Gastwirtskind aus einem Nest in Norddeutschland und der Sohn eines Regierungsangestellten aus Neu-Delhi, der sich darüber amüsiert, was in Europa an fernöstlichen Sagen über ihn verbreitet wird, mangels Fakten zumeist abgeleitet aus dem „Jainismus“, dem Glauben seiner Vorfahren. Tatsächlich ist der Investmentbanker nicht sonderlich religiös, in den letzten Jahren hat er nicht einmal einen Tempel betreten. Auch die ihm nachgesagte Abstinenz ist Legende: Anshu Jain weiß durchaus ein Glas Wein zu schätzen. Richtig ist: Er ist Vegetarier und er beruft sich auf das Wertekorsett, das ihm die Eltern mitgegeben haben.

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