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Deutsche-Bank-Chefvolkswirt : Neues Programm der EZB ein „Akt der Verzweiflung“

David Folkerts-Landau hat deutliche Worte gegen die Niedrigzinspolitik. Bild: Daniel Pilar

Das neue Ankaufprogramm der EZB für Unternehmensanleihen startet. Und pünktlich zu Beginn hat der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt harsche Kritik. Er fordert die geldpolitische Wende.

          Pünktlich zum Beginn des neuen Ankaufprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) für Unternehmensanleihen hat der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, am Mittwoch seine Kritik am Kurs der Notenbank bekräftigt. Er forderte eine „geldpolitische Wende“. Der Ökonom nannte den Kurs der EZB einen „Fehler“, die Notenbank folge einem „Dogma“ und verspiele so Ruf und Vertrauen. Er verglich die EZB mit der Bundesbank zu D-Mark-Zeiten, in deren Politik und zu deren früheren Präsidenten wie Hans Tietmeyer die Generation seiner Eltern größtes Vertrauen gehabt habe. „Davon ist die EZB weit entfernt“, sagte der Chefökonom.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Politik kann nur funktionieren, wenn die Menschen ihr vertrauen“, sagte Folkerts-Landau. Das sei offenkundig unterschätzt worden. In den Notenbanken folge man heute dem Dogma, dass die schwache Nachfrage die Ursache allen Übels sei und für die geringe Inflation sorge. Daraus leiteten sie einen Schritt nach dem anderen ab: Zinsen senken, Geld in die Märkte pumpen, negative Zinsen einführen – und dann große Geldscheine abschaffen, damit die Menschen nicht ins Bargeld flüchten können.

          Im siebten Jahr dieser Politik müsse man aber feststellen: Sie habe nicht funktioniert. Die Inflation sei weiter extrem niedrig. Zwar könnten die Notenbanker behaupten, ohne ihre Maßnahmen wäre es noch schlimmer gekommen, das lasse sich im Nachhinein nicht nachprüfen. Festzuhalten sei aber, dass die erhofften Ziele nicht erreicht worden seien. „Es ist eher so, dass die Inflation immer mal wieder ein wenig rauf geht, und dann wieder runter“, sagte Folkerts-Landau.

          Erhebliche Nebenwirkungen

          Zugleich hätten die Negativzinsen erhebliche Nebenwirkungen. „Wir sagen den Leuten mit den Negativzinsen: Sparen ist schlecht.“ Da sei gerade für ein Land wie Deutschland dramatisch: „Meine Eltern haben nie Aktien gekauft, weil sie das zu riskant fanden“, erzählt der Ökonom. Und jetzt sollten die Deutschen „raus aus den Staatsanleihen und Bankeinlagen, rein ins Risiko“ gezwungen werden. Die Logik der Geldpolitik, die Verbraucher mit negativen Zinsen zu höheren Ausgaben zu treiben, habe einen Haken: Wenn die Menschen merkten, dass ihnen Zinseinnahmen beispielsweise fürs Alter fehlten, sparten sie noch mehr, um den Verlust auszugleichen. Auch die Banken reagierten anders als erhofft: Weil sie die Strafzinsen an Privatkunden nicht weitergeben könnten, erhöhten sie die Kreditzinsen. Damit werde also das Gegenteil von dem erreicht, was die Notenbank wollte, nämlich günstigere Kredite und mehr Investitionen.

          Folkert-Landau forderte eine Abkehr von diesem Kurs. Zinserhöhungen seien für die EZB vermutlich nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen. Notenbanken könnten sich Fehler noch schlechter eingestehen als Regierungen. Er forderte aber, zugegeben nicht ohne Eigeninteresse der Banken, die EZB solle im ersten Quartal 2017 als ersten Schritt den Zinssatz für Einlagen der Banken bei der Notenbank wieder von minus 0,4 Prozent auf Null anheben. Hingegen könne man den Banken Geld gegen negative Zinsen ausleihen, unter der Bedingung, dass diese das Geld als Kredit an die Wirtschaft weiterreichten.

          Auch zum jüngsten Programm der EZB äußerte Folkerts-Landau sich ausgesprochen kritisch, er nannte es einen „Akt der Verzweiflung“. Seit Mittwoch kauft die EZB Anleihen von Unternehmen aus der Eurozone für geschätzte 3 bis 5 Milliarden Euro im Monat. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete unter Berufung auf anonyme Quellen, die EZB habe bereits am ersten Tag des Programms etwa Anleihen von Siemens, der belgisch-brasilianischen Brauerei AB Inbev und des französischen Autoherstellers Renault gekauft. Organisiert werden diese Anleihekäufe über die nationalen Notenbanken von Deutschland, Frankreich, Belgien, Finnland, Italien und Spanien. Von Mitte Juli an soll jede Woche eine Liste der Papiere veröffentlicht werden, die von der EZB angekauft wurden.

          Folkerts-Landau sagte, die EZB trete in diesem Programm als ein großer Spieler auf einem kleinen Markt auf. Der Preismechanismus werde zerstört. Zudem gehe das Geld nur an Unternehmen mit gutem Rating (mindestens „BBB“), die auch ohne Hilfe an Kredite kämen. Die Folge sei, dass Unternehmen neue Anleihen auflegten, diese an die EZB verkauften und für das Geld eigene Aktien zurückkauften: „Am Ende hat man vor allem eines: mehr Schulden.“

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