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Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer : „An der Börse tobt ein perfekter Sturm“

  • Aktualisiert am

Die Kursstürze der vergangenen Tage bereiten nicht nur den Händlern Sorge Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Mit der Herabstufung der Bonität Amerikas hat die Ratingagentur S&P die Angst vor einer weltweiten Krise verstärkt. Im Interview mit der F.A.S. spricht Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank, über die fatale Mischung aus Schulden, Rezessionsangst und schwachen Politikern.

          Herr Mayer, was ist da nur los an den Finanzmärkten?

          Mir scheint, dass sich in den letzten Wochen drei Elemente zu einem perfekten Sturm zusammengebraut haben: Erstens die Probleme im Euro-Raum, die durch die Beschlüsse von Ende Juli nicht nachhaltig gelöst wurden, zweitens die amerikanische Schuldenkrise, welche die Furcht vor einem amerikanischen Staatsbankrott schürte, und drittens schwächere globale Konjunkturindikatoren, die abermalige Sorgen vor einer „double dip“ Rezession weckten.

          Wie kommt es dazu? Hier und da fiel ein Einkaufsmanagerindex oder Ifo-Index schwächlich aus, aber auch das geht schon länger so.

          Der stete Tropfen höhlt eben den Stein! In den Vereinigten Staaten ist das zweite Quartal besorgniserregend schlecht ausgefallen, im Euro-Raum zeichnet sich eine deutliche Abschwächung im dritten Quartal ab, und auch in den Schwellenländern lässt der Schwung nach, wenn auch das Wachstum dort immer noch vergleichsweise robust ist. Diese globale Konjunkturabschwächung, gewürzt mit der europäischen und amerikanischen Schuldenkrise, das fliegt uns in den Finanzmärkten jetzt um die Ohren.

          „Gegen die Nervosität der Börsen wären vertrauensbildende Maßnahmen nötig”, sagt Thomas Mayer

          Dann hat Sie die Heftigkeit der Reaktion nicht überrascht?

          Doch, schon. Ob sich solche Entwicklungen zu einem Sommergewitter oder zu einem Tornado zusammenbrauen, ist schwer vorherzusagen. Immerhin sind die neuen, überraschend guten amerikanischen Arbeitsmarktzahlen ein kleiner Hoffnungsschimmer.

          Gerade hat aber die Ratingagentur Standard & Poor’s die Vereinigten Staaten herabgestuft. Was droht uns jetzt am Montag an der Börse?

          So ganz unerwartet kommt das ja nicht, nachdem die Ratingagenturen in den letzten Wochen vor einem solchen Schritt schon gewarnt hatten. Den amerikanischen Anleihemarkt dürfte dies mittelfristig wenig beeindrucken. Das Beispiel Japans zeigt, dass man auch mit niedrigerem Rating Kredite zu Tiefstzinsen bekommen kann. Aber natürlich ist dieser Schritt für die sehr nervösen Finanzmärkte eine weitere Belastung.

          Derzeit werden sogar Aktien deutscher Firmen abgestraft, die Rekordzahlen schreiben. Ist die Marktlage der volkswirtschaftlichen Lage noch angemessen?

          Es gibt sicher Anlass zur Sorge, aber man sollte nicht in Panik verfallen. Allerdings achten die Investoren in extremen Situationen leider nicht immer darauf, wie es der Wirtschaft geht. Manche brauchen schlicht und einfach Geld, um Kredite abzulösen und Positionen schließen zu können. Da wird dann alles auf den Markt geschmissen, und gute Dax-Werte manchmal gerade deshalb, weil sie einen halbwegs vernünftigen Preis erzielen.

          Wird die Abwärtsspirale auch von der Technik diktiert? Oft können die Händler nicht selbst entscheiden, ob sie verkaufen oder nicht.

          Es stimmt, dass manche Investoren quasi automatisch Positionen abbauen müssen, wenn bestimmte Auslöser greifen, etwa wenn ein Rating herabgestuft wird. Das verstärkt die Marktbewegung. Aber man muss zwischen technischen und psychologischen Verstärkern unterscheiden. Technische Verstärker kann man durch Regulierungen neutralisieren. Gegen die Nervosität helfen nur vertrauensbildende Maßnahmen der Politik.

          Prompt sind alle Politiker in Urlaub.

          Es geht weniger um physische Präsenz. Leider hat die Politik in den vergangenen Monaten Vertrauen verspielt. Denken Sie an die Griechenland-Krise, die lange als Liquiditätsengpass behandelt wurde, aber durch Überschuldung entstanden ist. So geht Vertrauen in die Kompetenz der Politik verloren. Dazu kommt die Verunsicherung durch die Vielstimmigkeit der EU- Politiker. Wem kann man glauben, wem nicht?

          Kommissionspräsident Barroso fordert mehr Geld für den Euro-Rettungsschirm EFSF.

          Diese Debatte ist kontraproduktiv. Wie viele Billionen sollen es denn sein? Nein, die Nordländer können nicht für alle Schulden der Südländer haften. Wir sind nicht die Zahlmeister der Währungsunion.

          Was machen wir stattdessen?

          Ich meine, man sollte dem Euro-Rettungsfonds das Statut eines Geldinstituts geben, wie es die Banken im Euroraum haben. Damit entstünde sozusagen ein Europäischer Währungsfonds. Dieser hätte im Notfall, wenn die Eigenmittel und die begrenzte Kreditaufnahme im Markt nicht ausreichen, um extremen Marktsituationen zu begegnen, Zugang zu EZB-Krediten.

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