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„Aus Fehlern gelernt“ : Deutsche-Bank-Chef verspricht mehr Anstand

Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main Bild: dpa

Christian Sewings Auftritt auf dem F.A.Z.-Kongress: Warum ihm die Hysterie über den Abschwung zu groß ist, die Geschwindigkeit in Europa zu langsam und warum sich seine Investmentbanker mit einer anständigen Haltung so schwer tun.

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          Christian Sewing hat ein flammendes Bekenntnis zur Europäischen Union abgelegt. „Wir brauchen mehr Europa“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank. Auf dem Kongress anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte Sewing, angesichts der „imposanten Geschwindigkeit in China“ müsse Europa seine Entscheidungsträgheit überwinden. Meinungen müssten zwar erst eingeholt, aber Entscheidungen dann schneller getroffen werden, mahnte Sewing mehr politische Führung an. „Es kann nicht sein, dass es immer 27 Ja-Stimmen braucht, wenn man etwas verändern will“, sagte er mit Blick auf viele EU-Entscheidungen.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die deutsche Exportindustrie sei die richtige Antwort auf die Handelskonflikte, Europa als Heimat- und Absatzmarkt auszubauen. Es werde zwar mehr bilaterale Handelsabkommen geben, trotzdem werde „eine offene Weltwirtschaft bestehen bleiben, daran glaube ich“, sagte Sewing. Angesichts von mehr als 1,3 Milliarden Chinesen müsse Europa sein Gewicht mit 450 Millionen Konsumenten einbringen – Deutschland mit nur 80 Millionen Einwohnern sei zu unbedeutend. Daher halte er es für falsch, dass zu Jahresanfang die EU-Wettbewerbskommission die Fusion der Zuggeschäfte von Siemens mit dem französischen Hersteller Alstom untersagt habe. „Wir müssen europäisch denken, nur dann können wir aufholen“, sagte Sewing.

          Kapitalmarkt- und Bankenunion endlich verwirklichen

          Der aktuelle Wirtschaftsabschwung sei ein Stück normal, die Hysterie darüber sei ihm zu groß. Der Abschwung werde die deutschen Unternehmen nach zehn guten Jahren weniger stark treffen als die Rezession nach der Finanzkrise. Doch Europa  sei in einigen Technologien abgehängt und müsse mehr investieren. Die Niedrigzinsphase, die Sewing mehrmals kritisierte, drohe zu einer Mentalität beizutragen, die ein geringes Wachstum akzeptiere. Er dagegen sei ein Fan gezielter Investitionsprogramme in Zukunftstechnologien – etwa für künstliche Intelligenz. Doch wenn Deutschland dafür wie jetzt geschehen 3 Milliarden Euro bereitstelle, investierten allein die Stadt Schanghai und eine weitere chinesische Stadt im gleichen Zeitraum 15 Milliarden Euro in KI. „Der Zug fährt ab“, sagte Sewing.

          Gerald Braunberger, Mitherausgeber der F.A.Z. im Gespräch mit Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bank AG, auf dem F.A.Z- Kongress im Kap Europa in Frankfurt.

          Für die europäischen Banken sei wichtig, dass endlich die Kapitalmarkt- und Bankenunion verwirklicht werde. Derzeit gebe es in der EU 14 Insolvenzordnungen. „Ich brauche in jedem Land eine Rechtsabteilung“, sagte Sewing als Beispiel, um den Wettbewerbsvorteil der amerikanischen Banken mit ihrem harmonisierten Heimatmarkt zu verdeutlichen. Mehr Europa bedeute aber auch, dass sich deutsche Positionen nicht immer hundertprozentig durchsetzen ließen, fuhr Sewing im Gespräch mit F.A.Z.-Herausgeber Gerald Braunberger fort. „Wir werden etwas geben müssen“, sagte Sewing und nannte die deutsche Einlagensicherung, für deren Regeln gerade Sparkassen und VR-Banken kämpfen.

          Kulturelle Herausforderungen

          Zusammenschlüsse unter europäischen Banken werde es geben, denn ihre zu hohen Kosten ließen sich nicht beliebig senken, sagte Sewing, auf dessen Drängen hin die Deutsche Bank am 7. Juli beschlossen hat, bis zum Jahr 2022 18.000 Stellen und damit jede fünfte im Deutsche-Bank-Konzern zu streichen. Die Banken- und Kapitalmarktunion sei jedoch eine Voraussetzung für grenzüberschreitende Bankenfusionen in Europa, sagte Sewing. Derzeit allerdings wäre die Deutsche Bank nach einhelliger Ansicht von Beobachtern in nahezu jeder Konstellation, etwa in der schon in diesem Jahr geprüften Fusion mit der Schweizer UBS, der Juniorpartner. „Wir werden als Deutsche Bank alles tun, um auf Augenhöhe hineingehen zu können“, versprach Sewing. Um aufzuholen, sei nicht nur wichtig,  kurzfristig die Eigenkapitalrendite zu steigern, sondern nachhaltig. „Wenn es mir nicht gelingt, die Deutsche Bank in der Mitte der Gesellschaft zu positionieren, werde ich es erst bei den Kunden merken und in fünf Jahren dann auch in der Eigenkapitalrendite“, sagte Sewing. Gerade junge Leute, die jetzt größere Vermögen ihrer Eltern erbten, trennten sich selbst von gut rentierenden Anlagen, wenn sie ihren Vorstellungen von Klimaschutz und Nachhaltigkeit nicht entsprächen.

          Sewing gab Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) Recht, der am Vortag mehr Anstand von der Auto- und Finanzindustrie angesichts von Diesel-Betrug und Cum-Ex-Steuerhinterziehung gefordert hatte. Es sei zwar von den Vorgängern richtig gewesen, in den neunziger Jahren das Investmentbanking der Deutschen Bank durch zugekaufte Banken in den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu stärken und unabhängiger vom margenschwachen deutschen Heimatmarkt zu werden. Aber es habe an  Balance gefehlt, das Investmentbanking, das oft für zwei Drittel der Gewinne der Deutschen Bank stand, sei zu dominant gewesen, gab Sewing zu. „Wir haben aus Fehlern gelernt“, sagte er, Bilanz und Rechtsrisiken seien „aufgeräumt“. Jetzt werde das Investmentbanking so ausgerichtet, dass es an echte Kundentransaktionen gebunden sei.

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