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Deutsche Bahn : Immer eins aufs Dach

  • Aktualisiert am

Nur Ärger mit dem Berliner Hauptbahnhof Bild: REUTERS

Sturmschäden und Streit ums Dach: Hartmut Mehdorn hat im Bundestag Ärger bekommen. Im Verkehrsausschuss war man der Meinung, dass die Bahn ihre Großprojekte nicht im Griff hat.

          Die Bauarbeiter haben die Kelle im Sommer aus der Hand gelegt. Gut ein halbes Jahr später ist der neue Berliner Hauptbahnhof für die Deutsche Bahn AG aber immer noch eine der wichtigsten Baustellen im Konzern.

          Der Vorstandsvorsitzende der Bahn, Hartmut Mehdorn, blickt derzeit mit Kummer auf sein Vorzeigeprojekt. Zum einen schwebt der Rechtsstreit mit dem Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan über die Gestaltung des Glasdachs. Zum anderen drücken Sicherheitsbedenken die Stimmung, seitdem der Orkan „Kyrill“ kürzlich einen tonnenschweren Stahlträger aus der Fassade löste und zu Fall brachte. Der Bahnhof musste daraufhin zweimal stundenlang vollständig gesperrt werden.

          Streit erreicht die Bundespolitik

          Der Streit um Dach und Fassade hat auch die Bundespolitik erreicht: Gleich drei Vorstandsmitglieder - neben Mehdorn auch der ehemalige CSU-Minister Otto Wiesheu und Bahnhofsvorstand Wolf-Dieter Siebert - mussten diese Woche den Abgeordneten der Bundestags-Ausschüsse für Verkehr und Haushalt Rede und Antwort stehen. Ihre bohrenden Fragen betrafen vor allem die Länge des Glasdachs, das Mehdorn kürzer bauen ließ als von Gerkan gewünscht, und die mit der Verkürzung verbundenen Kosten.

          Mehdorn nannte im Ausschuss eine zu lange Planungsphase und technische Schwierigkeiten als Gründe für die Mehrkosten beim Bau des Berliner Hauptbahnhofs. Am Donnerstagabend sagte er, er habe alle Fragen der Abgeordneten beantworten können. Die Oppositionsparteien FDP und Grüne zeigten sich nach der Sitzung aber nicht zufrieden mit den Auskünften. Mehdorn sei bei seinen Erläuterungen sehr allgemein geblieben, sagte die FDP-Abgeordnete Claudia Winterstein.

          Das Verhältnis zwischen Mehdorn und dem Architekten Gerkan gilt als zerstört. Im Verkehrsausschuss konnten sie ein Treffen vermeiden, weil der Ausschussvorsitzende Klaus Lippold (CDU) - anders als der Vorsitzende des Haushaltsausschusses, Otto Fricke (FDP) am Donnerstag - das Auftreten der Mehdorn-Stellvertreter Wiesheu und Siebert genügen ließ.

          „Im Kosten- und Planungsregen“

          „Gerkan hat uns im Kosten- und Planungsregen stehen lassen“, sagte Siebert. Der Architekt bestreitet dies und gibt an, ihm sei die Bauüberwachung schon 2003 entzogen worden. Eine Kostenkontrolle sei nicht möglich gewesen, weil die Bahn den Einblick in Zahlen verweigert habe. Gerkan beharrt darauf, auch die um 130 Meter längere Dach-Variante wäre rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft fertig geworden - was wiederum die Bahn bestreitet.

          Wegen des verkürzten Daches ist der Ausstieg aus den Wagen der ersten Klasse nicht überdacht. „Da steht Aussage gegen Aussage“, resümiert Lippold. Ihn treibt jedoch weniger das Dach und die Frage um, welche Version 10 Millionen Euro billiger gewesen wäre. Lippold und seine Kollegen sind vielmehr durch die Erkenntnis alarmiert, dass der Bahnhof um ein Vielfaches teurer wurde als erwartet: Während zunächst 670 Millionen Euro geplant waren, kostete das Vorhaben am Ende rund 1 Milliarde Euro. Wenn man die Bügelbauten, die über das Bahnsteigdach geklappt wurden, einrechnet, sind es noch 200 Millionen Euro mehr.

          Mehdorn: „Keiner vermisst ein längeres Dach“

          „Wir haben den Eindruck, dass die Steuerungs- und Kontrollprozesse für Großprojekte bei der Bahn nicht gut funktionieren“, sagte Lippold der F.A.Z.. „Hier muss die Bahn optimieren.“ Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangten auch die Haushaltspolitiker in der Mehdorn-Befragung. Lippold fordert, das Bundesverkehrsministerium müsse über den Aufsichtsrat „mehr in die Steuerung hineingehen, damit sich solche Kostenexplosionen nicht wiederholen“.

          Der Grünen-Politiker Peter Hettlich warnte davor, dass auch Großprojekte wie der Bahnhof Stuttgart 21 oder die Verbindung Nürnberg-Erfurt Milliardengräber für den deutschen Steuerzahler würden. Im Haushaltsausschuss wurde die Stimmung am Donnerstag eisig, als Mehdorn sagte: „Keiner vermisst ein längeres Dach“, und den Abgeordneten riet: „Steigen sie doch einen Wagen früher aus, dann stehen Sie nicht im Regen.“ Den Fragebedarf der Parlamentarier fachte er damit derart an, dass der Vertreter des Verkehrsministeriums, Staatssekretär Achim Großmann (SPD), Fragen zur Rolle des Bundes kaum noch beantworten musste.

          Orkanschaden hat den Konflikt verschärft

          Der Orkanschaden hat den Konflikt verschärft. Gerkan weist der Bahn die Schuld am Absturz eines Stahlträgers zu. Bei seinem Entwurf für die Bügelbauten sei eine Sicherung für die Stahlträger eingeplant gewesen, die weggelassen worden sei. Die Bahn droht mit Klage, falls Gerkan diese Behauptung nicht zurücknehme.

          Dennoch will dieser sein Bahn-Werk noch beenden und das Dach auf volle Länge bringen. Die schon fertigen Bauelemente lagern derzeit am Berliner Ostbahnhof. Die Bahn lehnt die Korrektur ab, auch weil sie langwierige Betriebsstörungen befürchtet. In dem Streit soll jetzt die Bundesregierung vermitteln, mit Staatssekretär Großmann als Moderator.

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