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Designierter DIW-Chef Fratzscher : „Es fehlt eine langfristige Vision für Europa“

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Marcel Fratzscher: „Es gibt wohl niemand, der genau weiß, wie die Krise zu lösen ist“, sagt der designierte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Bild: Hoang Le, Kien

Der künftige Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, hat in seinem ersten Interview zu mehr Integration in Europa aufgerufen. Es gebe zu viele unterschiedliche Meinungen, wie Europa in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen sollte, sagte er der F.A.Z.

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          Herr Fratzscher, Sie kommen von der EZB und werden Chef des DIW, eines der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Sicher haben Sie eine gute Idee zur Lösung der Euro-Krise...

          Es gibt wohl niemand, der genau weiß, wie die Krise zu lösen ist. Sonst würde sie nicht schon seit mehr als zwei Jahren andauern und sich in Teilen auch verschärfen. Wohl niemand hat die Weisheit für eine komplette Lösung.

          Aber Ansätze haben Sie doch wohl.

          Ich darf nicht zu nahe an Themenbereiche kommen, die die EZB betreffen, schließlich bin ich noch einige Monate dort beschäftigt. Aber lassen Sie mich allgemein antworten. Es ist vor allem wichtig, dass Länder mit Reformprogrammen, denen sie zugestimmt haben, diese auch umsetzen. Das ist das A und O. Es gibt positive Beispiele. Irland und Portugal machen sehr gute Fortschritte. Leider geraten nun Italien und Spanien in den Fokus der Finanzmärkte. Auch hier sollten Reformen rasch umgesetzt werden.

          Beide Länder stecken in tiefen Rezessionen. Werden die Sparpakete diese zunächst verschärfen?

          Das ist nicht eindeutig. Eine Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten zeigt, dass die Effekte der Fiskalpolitik von den Multiplikatoren abhängen. Woran es im Moment vor allem mangelt, ist Vertrauen der Investoren und der Finanzmärkte. Daher muss ein Sparpaket nicht zwingend zu weniger Aktivität führen.

          Dem bisherigen europäischen Krisenmanagement würden Sie welche Note geben?

          Sicher hätte es sehr viel besser sein können. Es gibt aber unterschiedliche Interessen in Europa. Woran es fehlt, ist eine gemeinsame, langfristige Vision. Es gibt viele unterschiedliche Visionen und Meinungen, wie Europa in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen sollte. Dies verhindert, dass wichtige gemeinsame Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden.

          Sie erwähnen Interessen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass viele Länder vor allem wünschen, dass letztlich Deutschland für alle Schulden mithaftet.

          So würde ich es nicht ausdrücken. Die Frage ist eher: Wollen wir ein stärker integriertes Europa oder ein weniger stark integriertes Europa. Meiner Ansicht nach brauchen wir mehr Integration. Man kann es den Geburtsfehler des Euro nennen, dass eine Währungsunion geschaffen wurde ohne vollständige Wirtschaftsunion. Dazu gehört eine engere Banken- und Fiskalunion. Das muss man mittel- bis langfristig nachholen, um den Euro zum vollen Erfolg zu machen. Dazu gehört auch zu einem gewissen Grad eine politische Union.

          Was genau bedeutet eine „politische Union“? Mehr Zentralisierung in Europa?

          Nicht unbedingt. Es heißt, dass einige Entscheidungen, die bislang auf nationaler Ebene getroffen wurden, gemeinsam auf europäischer Basis getroffen werden müssen. Viele nationale wirtschaftspolitische Entscheidungen, selbst von kleinen Ländern der Eurozone, haben Auswirkungen für die Eurozone als Ganzes. Auch deshalb sollten die Länder einen Teil ihrer wirtschaftspolitischen Autonomie verlieren.

          Europa zeichnete sich historisch durch einen Wettbewerb der Politiken aus. Wenn nun vereinheitlicht wird, dann kann das auch schief gehen.

          Die Lehre, die ich aus der europäischen Krise ziehe, ist, dass es nicht genug Harmonisierung gegeben hat. Einige Länder haben an Wettbewerbsfähigkeit verloren, die Kluft und die Unterschiede zwischen den Ländern haben zugenommen. Daher: Wir brauchen mehr Integration und mehr Harmonisierung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.

          Das DIW war mal eine starke Stimme in der Politikberatung. Es ist etwas zurückgefallen in der Wahrnehmung. Welche Themen wollen sie forcieren?

          Das DIW hat drei Stärken, wo seine Stimme in der Politikberatung deutlich zu hören sein sollte. Zum ersten alles, was aus dem Sozioökonomischen Panel herauskommt. Also Fragen über Arbeitsmärkte, über Bildung, über soziale Themen, über Verteilung. Da hat das DIW exzellente Forschung. Zweitens: Energie und Umwelt, ein sehr wichtiges Thema auch angesichts der Energiewende. Drittens möchte ich eine Priorität für Veränderungen auf den makroökonomischen Bereich legen. Da sollte das DIW breit aufgestellt sein, zum Beispiel in den Fragen der Fiskalpolitik, der Strukturpolitik, der Wettbewerbsfähigkeit und der Geldpolitik. Die Euro-Krise zeigt, wie wichtig diese Themen sind. Und wir brauchen eine stärkere europäische und auch globale Perspektive.

          Unter ihrem Vorgänger Gert Wagner ist das DIW scheinbar nach links gerückt. Zuletzt kam die Forderung nach einer 10-Prozent-Zwangsabgabe für Vermögende. Da gab es nur noch von der Linkspartei ungeteilte Zustimmung. Ist das DIW damit auf dem richtigen Kurs?

          Ich stimme dem nicht zu, dass das DIW nach links gerückt sei. Es ist extrem wichtig für ein Wirtschaftsforschungsinstitut, dass es politisch neutral ist. Man braucht aber auch Unabhängigkeit und Freiheit zu forschen. Die Vorschläge müssen aber immer auf solider Forschung basieren.

          Sie wollen die Makroökonomie stärken. Wann wird das DIW wieder bei der Konjunkturprognose der großen Institute für die Regierung dabei sein, aus der es vor fast fünf Jahren herausgeflogen ist?

          Zu seiner Gründung 1925 war das DIW Berlin ursprünglich ein Konjunkturforschungsinstitut. Es sollte der Anspruch sein, mittelfristig wieder Teil der Gemeinschaftsdiagnose zu sein. Ich hoffe, dass es bei der nächsten Ausschreibung 2013 schon wieder klappt.

          Das Gespräch führte Philip Plickert.

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