https://www.faz.net/-gqe-vclr

„Designfehler“ : Mattel entschuldigt sich bei China

Bild: reuters

Erstaunliche Kehrtwende: Im Skandal um gesundheitsgefährdende Spielzeuge hat Mattel eine formelle Entschuldigung an das chinesische Volk ausgesprochen. Die meisten Rückrufe seien auf „Designfehler“ von Mattel zurückzuführen und nicht auf Fehler in der Produktion in China.

          2 Min.

          Der amerikanische Spielzeughersteller Mattel hat nach einer Serie von Spielzeugrückrufen eine ungewöhnliche Entschuldigung ausgesprochen: Nachdem sich das Unternehmen in den vergangenen Wochen schon häufig bei den Verbrauchern entschuldigt hat, ließ Mattel nun ein „Mea Culpa“ an die Adresse von China folgen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Das Land ist in den vergangenen Wochen zum Prügelknaben in der Affäre um gesundheitsgefährdende Spielzeuge geworden. Mattel hat seit Anfang August in drei Rückrufen jeweils Millionen von in China produzierten Spielzeugen aus dem Verkehr gezogen. Als Grund wurde vor allem ein überhöhter Bleigehalt in den Farben genannt, die in den Figuren verwendet werden. In einem Fall wurden Spielzeuge mit kleinen Magneten zurückgerufen, die als mögliche Gefahrenquelle für Kinder eingestuft wurden, falls sie verschluckt werden.

          Vor Mattel hatten in diesem Jahr schon einige andere Spielzeughersteller in China produzierte Artikel zurückgerufen. China geriet im Zuge der Rückrufe zunehmend in die Kritik, das Land ist der weltgrößte Produktionsstandort für Spielzeug. Mattel hat seit Anfang August die Geschäftsbeziehungen mit mehreren chinesischen Vertragspartnern beendet.

          Erstaunliche Kehrtwende

          Nun hat Mattel aber eine erstaunliche Kehrtwende gemacht. Bei einem Treffen mit dem für Produktsicherheit zuständigen Regierungsmitglied Li Changjiang in Peking sprach Mattel-Vertreter Thomas Debrowski eine formelle Entschuldigung an das chinesische Volk aus. „Mattel übernimmt die volle Verantwortung für die Rückrufe“, sagte Debrowski. Der weit überwiegende Teil der Produktrückrufe sei auf „Designfehler“ von Mattel zurückzuführen und nicht auf Fehler in der Produktion bei den chinesischen Vertragspartnern.

          In dieser Woche kam schon eine Studie der Asia Pacific Foundation of Canada zu dem Schluss, dass die Verantwortung für das gefährliche Spielzeug in hohem Maße bei den Spielzeugkonzernen zu suchen ist: „Nur ein Fünftel der Spielzeugrückrufe der letzten zwei Jahre lässt sich auf Produktionsmängel zurückführen“, hieß es in der Untersuchung der Professoren Hari Bapuji und Paul Beamisch. Fast 80 Prozent der amerikanischen Rückrufe von in China gefertigten Spielzeugen gehen demnach auf fehlerhaftes Design der Auftraggeber im Westen zurück. Bapuji und Beamisch geben ein Beispiel: Fallen von Spielzeugen etwa Kleinteile wie Autoräder, Perlen oder Magneten ab, dann liege dies in der Regel in der Verantwortung der auftraggebenden Firmen, die diese Spielzeuge konstruiert haben. Zu den Herstellungsmängeln indes zählen die Professoren etwa die Verwendung von giftigen Farben oder Füllungen bei Stofftieren.

          „Das ist ein dramatischer Anstieg“

          „Spielzeughersteller entwickeln und entwerfen in ihrem Heimatland und bestellen die Umsetzung dann in China. Wenn das Design akzeptabel ist, heißt das nicht notwendigerweise, dass das Spielzeug selber sicher und von guter Qualität sein wird. Ist aber schon das Design schwach, wird das produzierte Spielzeug ganz sicher schlecht werden“, heißt es in der Untersuchung. Die Schlussfolgerungen des Professorenduos liegen auf der Hand: „Die Spielzeughersteller müssen ihr Produktdesign verbessern, und es müssen weltweite Standards für die Produktsicherheit entwickelt werden.“

          Bis 2002 machten die Rückrufe von Produkten aus chinesischer Fertigung etwa die Hälfte der insgesamt zurückgerufenen Spielzeuge aus. 2003 aber stieg dieser Wert auf 80 Prozent, derzeit liegt er sogar bei 95 Prozent. „Das ist ein dramatischer Anstieg“, räumen auch Bapuji und Beamisch ein. Wichtiger aber sei der Blick auf die Gründe der Rückrufe. „Von den 550 Rückrufen seit 1988 lassen sich 420 Fälle auf Mängel im Entwurf des Spielzeugs zurückführen.“ Auch der überwiegende Anteil der Verletzungen und gar Todesfälle durch mangelhaftes Spielzeug ginge auf Konstruktionsmängel zurück, stellen die Wissenschaftler fest. Nicht berücksichtigt bleiben dabei allerdings Langzeitschäden, wie sie etwa im Hirn eines Kindes durch Bleifarbe entstehen können.

          Doch selbst bei der Farbe fordern die Professoren einen erweiterten Blickwinkel: „Von den letzten 54 Rückrufen aufgrund von Herstellungsmängeln gehen 31 auf die Verwendung von Bleifarbe zurück. In 16 dieser Fälle stammte das Spielzeug aus Festlandchina. Die anderen waren in Australien, Hongkong, Indien, Südkorea, Mexiko und Taiwan hergestellt worden.“

          Weitere Themen

          Unternehmer im Klimastreik Video-Seite öffnen

          Nachhaltig wachsen! : Unternehmer im Klimastreik

          Längst protestieren neben Schülern auch immer mehr Gründer für mehr Klimaschutz. „Entrepreneurs for Future“ ist mit über 4000 deutschen Unternehmen eine von vielen Initiativen, die jetzt deutlich machen: Es ist an der Zeit, anders zu wirtschaften!

          Zuckerberg im Kreuzfeuer

          Kritische Fragen zu Libra : Zuckerberg im Kreuzfeuer

          Facebook-Gründer Mark Zuckerberg steht unter Druck. Im Repräsentantenhaus muss er die geplante Kryptowährung Libra verteidigen. Die Abgeordneten befürchten, sie könne den Dollar gefährden und damit die Weltpolitik beeinflussen.

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.