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Desertec-Projekt : Der Wüstenstrom kommt 2020 nach Europa

Strom aus Sonnenkraft: Solarturm in der Wüste. Bild: AP

Um das Desertec-Projekt ist es ruhig geworden. Nun erneuert die Industrie-Initiative ihr Versprechen, günstige Energie aus Nordafrika zu holen.

          2 Min.

          Die Desertec-Idee, Solarstrom aus der Sahara marktfähig zu machen, hat nichts von ihrer Faszination verloren. Doch um das in der Planungsgesellschaft „Desertec Industrial Initiative“ versammelte Wüstenstromprojekt ist es zuletzt ruhig geworden. Einige der Gründungsgesellschafter wie etwa Siemens und Bosch sind inzwischen ausgestiegen, andere wie der Erlanger Projektentwickler Solar Millennium sind pleite. Die übrigen Gesellschafter, gut 50 internationale Großkonzernen wie Eon, die Deutsche Bank oder Italiens Energieriese Enel, haben sich in dieser Woche turnusmäßig in Sevilla getroffen. Kritik habe es keine gegeben, sagte DII-Geschäftsführer Paul van Son dieser Zeitung, im Gegenteil: „In Sevilla hat es viel Lob für unsere Arbeit gegeben.“

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Von der Euphorie, die mit der DII-Gründung im Sommer 2009 hierzulande einsetzte, ist allerdings nicht viel übrig geblieben, weil bisher noch kein einziges solarthermisches Kraftwerk in Nordafrika ans Netz gegangen ist. Van Son muss seither immer wieder betonen, dass die DII weder Investor noch Projektentwickler ist. Obendrein muss er überzogene Erwartungen bremsen: „In Deutschland wurde die Desertec-Idee zu sehr auf den Aspekt ,Wüstenstrom für Europa‘ verkürzt. Dabei wissen wir schon lange, dass der Strombedarf in Nordafrika sehr deutlich steigt und erst einmal diese Länder sich selbst versorgen müssen.“

          An dem ehrgeizigen Plan, über Fernleitungen durchs Mittelmeer mit sogenannter Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung sauberen Strom nach Europa zu liefern und dort 15 Prozent des erwarteten Stromverbrauchs decken zu können, wird festgehalten. „Einen Nettostromexport wird es geben, wir rechnen damit, dass er nach 2020 schon eine spürbare Größe haben wird“, sagte van Son.

          Nordafrikas Länder und der Nahe Osten wollen selbst investieren

          Der Holländer an der Spitze der DII weiß, dass noch immer politische und regulatorische Fragen, etwa zur Stromdurchleitung und zur Finanzierung, die größten Hürden für Desertec sind. Mit den Aufgaben der DII, ein Industrienetzwerk aufzubauen und einen Markt für erneuerbare Energie aus der Wüste zu kreieren, geht es nach seinen Worten gut voran: „Fast alle nordafrikanischen Länder haben heute eine Strategie für industrielle Anlagen und die dazugehörigen Netzerweiterungen im Bereich erneuerbare Energien. Das war vor vier Jahren noch nicht der Fall und es liegt weit über meinen persönlichen Erwartungen.“

          Nordafrikas Länder und der Nahe Osten warten nicht auf Investoren aus Europa, sondern haben sich selbst Investitionsziele gesteckt. In Algerien stellte kürzlich Energieminister Youcef Yousfi den Plan vor, bis zum Jahr 2030 mehr als 1,2 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investieren zu wollen. Solche Pläne gibt es auch in Saudi-Arabien. Marokko hat bereits mit dem Bau eines solarthermischen Kraftwerks bei Ouarzazate begonnen. Weitere Bauvorhaben sind in der Planung.

          „Am weitesten fortgeschritten sind die 100-Megawatt-Anlage in Abu Dhabi und die Windparks in Marokko und Ägypten. Saudi-Arabien und Algerien möchten Milliardenbeträge in die Sonnen- und Windenergie bis 2030 zu investieren. Algerien will nach Italien exportieren“, sagte van Son. Um hierzulande die Stimmung für Desertec ein wenig aufzuhellen will die DII Ende Juni in einer neuen Studie nachweisen, dass für die europäischen Klimaziele Wüstenstrom unverzichtbar ist. Nach DII-Analysen reichen die vorhandenen Sonnen- und Windressourcen in Nordafrika und dem Nahen Osten, um bis 2050 in einem gemeinsamen Stromverbund mit Europa einen Anteil von mehr als 90 Prozent erneuerbare Energien auf wirtschaftlicher Basis sicherzustellen.

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