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Flüchtlingskrise : Der steinige Weg der neuen Balkan-Route

Grenzübergang in Albanien: Das Land wappnet sich für die Flüchtlingsströme. Bild: Christian Geinitz

Albanien rüstet an seiner Grenze zu Griechenland auf, obwohl bisher kaum Flüchtlinge ins Land drängen. Wer es dennoch wagt, bleibt im Gebirge hängen oder in einer Polizeiwache.

          Der Weg zur Abschiebung ist dunkel und feucht. Am albanischen Grenzübergang Kakavija müssen aufgegriffene illegale Einwanderer durch einen 150 Meter langen Stollen zur Polizeiwache auf einen Hügel hinaufsteigen. Der Treppengang ist unbeleuchtet, die Stufen sind glitschig, es riecht nach Fäulnis. Das Licht am Ende des Tunnels täuscht: Es verheißt keine Besserung, sondern bedeutet für viele Menschen weiteren Verdruss. Flüchtlinge, die hier landen, werden gezwungen, nach Griechenland zurückzukehren, woher sie gekommen sind. Der Weg nach Norden, in den reichen Teil Europas, ist ihnen versperrt, die Chance auf ein Leben in Österreich, Deutschland oder Schweden rückt wieder in weite Ferne.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Kakavija liegt 230 Kilometer südwestlich von Idomeni, jenem griechischen Ort an der Grenze zu Mazedonien, der zum Inbegriff für die Schließung der so genannten Balkan-Route geworden ist. Seit Österreich und die südlich gelegenen Länder Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien keine Flüchtlinge ohne Papiere mehr einreisen lassen, stauen sich Zehntausende von ihnen an der griechischen Nordflanke. Um Idomeni zu entlasten, haben die Behörden 1500 Personen in Zeltdörfer an der albanischen Grenze gebracht. Diese Lager liegen unmittelbar südlich der Übergänge Kapshtica, Kakavija und Qafë-Botë.

          „Ich glaube nicht, dass die Griechen mit den Camps absichtlich den Druck auf Albanien erhöhen wollen, die Grenze zu öffnen“, sagt Albina Mici, die im Auftrag der Internationalen Organisation für Migration (IOM) die Lage in der Region überwacht. „Aber wenn sie aufgeht, will man die Leute vermutlich schnell weiterschicken können.“ Danach sieht es im Moment nicht aus. Erst am vergangenen Freitag hatte der albanische Ministerpräsident Edi Rama dieser Zeitung gesagt, dass sich Albanien nicht als Alternativstrecke zur bisherigen Balkan-Route eigne: „Wir werden keine Mauern bauen. Aber wir werden auch nicht die Grenze öffnen, weil das die Belastungen noch verschlimmern würde.“

          Seit die Balkanroute aus Griechenland über Mazedonien geschlossen ist, suchen die Flüchtlinge nach Alternativen. F.A.Z.-Redakteur Christian Geinitz berichtet von der griechisch-albanischen Grenze. Bilderstrecke

          Tirana möchte alles vermeiden, was signalisieren könnte, das Land sei auf den Massenandrang vorbereitet oder empfange die Durchreisenden sogar mit offenen Armen. Es gibt zwar einen Notfallplan, aber der ist bewusst klein gehalten worden und sieht die Unterbringung von maximal 500 Personen vor. Allein die Gewahrsamsräume in Kakavija können heute schon 100 Menschen aufnehmen. Noch wird diese Kapazität nicht erreicht, denn es gibt allenfalls vereinzelte Aufgriffe von Familien oder kleinen Gruppen, die auf eigene Faust versuchen, die grüne Grenze von Griechenland aus zu überqueren.

          Die meisten kehren freiwillig zurück nach Griechenland

          Der Betonbau am Ende des Tunnels ist einem Schiffsrumpf nachempfunden und stammt noch aus der Zeit des Diktators Enver Hodscha, ein heroisches Denkmal ehrt die Grenztruppen aus kommunistischer Zeit. Passenderweise sieht das Grenzgebäude der Griechen auf der anderen Straßenseite wie ein Unterseeboot aus. In dem albanischen Bau ist eine Registrierungsstelle mit modernen Computern untergebracht, einschließlich Fotoerfassung und Lesegeräten für Fingerabdrücke; die alten, ausrangierten Monitore stapeln sich in einer Ecke. Die neueste Errungenschaft neben den Flachbildschirmen ist ein Schild an der Eingangstür. Unter einer Europa-Flagge ist dort zu lesen, dass die Grenzpolizeistation mit Hilfe der EU renoviert worden sei - obgleich Albanien der Gemeinschaft gar nicht angehört.

          Neben der Wache liegen die Schlafsäle, Waschräume, Toiletten für die Grenzverletzer, die hier höchstens eine Nacht verbringen. An den Wänden stehen gekritzelte Botschaften auf Arabisch und Englisch, etwa „Die Eritrea-Boys waren hier.“ Bettzeug und Handtücher würden erst bei Ankunft ausgegeben, sagt eine Grenzbeamtin. Die letzte Gruppe habe die Decken bei der Abreise mitgenommen. „Denen war es zu kalt auf dem Weg zurück nach Griechenland“, sagt die Uniformierte. Der Fall liegt schon etwas zurück. Zuletzt haben die Sicherheitskräfte am 10. März Flüchtlinge aufgegriffen, fünf Marokkaner ohne Papiere. Wie alle bisher Gestellten verzichteten sie darauf, in Albanien um Asyl zu ersuchen, und kehrten freiwillig nach Griechenland zurück.

          Die IOM-Mitarbeiterin Mici, die von den Sicherheitskräften jeden Tag auf dem Laufenden gehalten wird, lädt die aktuelle Liste auf ihr Mobiltelefon. Daraus wird klar, dass es bisher keine Massenflucht von Griechenland nach Albanien gibt, jedenfalls gemessen an den Festgenommenen. Seit Dezember waren es lediglich 140 Personen, mehr als 100 von ihnen stellten sich als Nordafrikaner heraus - auch wenn einige etwas anderes behaupteten. Nur drei stammten aus Syrien, kein Einziger kam aus dem Irak oder Afghanistan, den Hauptauswanderungsländern Richtung Europa.

          „Die Albaner sind großartige Schmuggler“

          Und doch rüstet Albanien auf. Die Grenzkräfte seien verdoppelt worden, sagt die Polizistin, zusätzlich stehe eine bewaffnete Eingreiftruppe bereit, falls es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Eindringlingen komme. Italien habe versprochen, 20 Fachleute nach Kakavija zu entsenden, auch warte man ungeduldig auf Nachtsichtgeräte und Geländewagen. Die Verantwortlichen in Tirana, Rom und auch in Brüssel befürchten, dass Schmuggler alte Verbindungen über die Adria nutzen könnten, um im großen Stil Menschen nach Italien zu schleusen. Noch gebe es zwar keinen Hinweis darauf, sagte der für Migration zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos am Freitag in Tirana. „Aber wir müssen auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.“

          Ardian Haçkaj, Direktor von Shtetiweb, einer der einflussreichsten politischen und wirtschaftlichen Internetplattformen Albaniens, verweist auf die Erfahrung mit illegalen Menschen- und Rauschgifttransporten über die Meerenge: „Viele Leute in Albanien sind arm und verzweifelt. Für Geld tun sie fast alles, und die Flüchtlinge haben Geld“, sagt Haçkaj. „Ich bin mir sicher, dass die Adria-Querung mit entsprechender Korruption klappen könnte: Die Albaner sind großartige Schmuggler.“ Die EU-Vereinbarung mit der Türkei zur Rücknahme unrechtmäßiger Einwanderer könnte den Zufluss nach Griechenland und damit auch den Druck auf Albanien abmildern, sagt der Ökonom. Aber völlig unklar sei, ob das System funktioniere und was mit den Zehntausenden passiere, die schon in Griechenland festsitzen.

          Um in Albanien aus der Grenzregion ans Meer zu gelangen, müssten die Flüchtlinge eine unwirtliche Landschaft durchqueren. Kakavija liegt im Tal von Dropull, das rechts und links von Bergketten begrenzt wird, einige Kämme sind im März noch schneebedeckt. Teile der Gegend, in der eine griechische Minderheit lebt, sind derart abgelegen, dass hier Cannabis angebaut wird. 2014 erlangte die Ortschaft Lazarat einen zweifelhaften Ruf dadurch, dass die dortigen Rauschgiftpflanzungen erst nach blutigen Schießereien und dem Einsatz von 900 Polizisten zerstört werden konnten. Heute wirkt der Ort friedlich, doch werden Fremde viel argwöhnischer beäugt als sonst in dem gastfreundlichen Land.

          Bisher war die Region eher für Auswanderer als für Einwanderer interessant. Die Flüchtlingsexpertin Mici zeigt auf ein halb ausgetrocknetes Flussbett, das quer zum Tal verläuft und im Westen in einem Wäldchen verschwindet. Vor der Visumfreiheit mit der EU seien Albaner auf der Suche nach einem besseren Leben dem Wasser gefolgt und hätten sich zwischen den Bäumen über die grüne Grenze nach Griechenland durchgeschlagen, berichtet sie. „Vielleicht läuft der Migrantenstrom demnächst andersherum.“ Nach wie vor sind es eher Albaner, die hier Ärger machen, nicht Ausländer. In der Polizeistation am Übergang Kakavija würden viel häufiger Landsleute festgehalten als Flüchtlinge, weiß die Grenzbeamtin auf dem Hügel. Die Griechen lieferten dort Einbrecher, Diebe und andere albanische Kriminelle ab, darunter auch Asylbewerber, die nach der Abschiebung aus dem Schengen-Raum trotz Einreisesperre widerrechtlich in die EU zurückgekehrt seien. 20 bis 70 solcher Fälle nehme ihre Truppe hier jede Woche in Gewahrsam, sagt die Gesetzeshüterin. „Verglichen damit lassen mich die Flüchtlinge völlig kalt.“

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