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Studie : Die Ökonomie des Terrors

Bild: Peter von Tresckow

Armut und Bildungsmangel trieben Selbstmordattentäter - so heißt es oft. Doch das Klischee stimmt nicht. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Terroristen eher gebildet sind und häufig aus oberen Schichten kommen.

          3 Min.

          Zu Weihnachten hätte es fast wieder eine Katastrophe gegeben. Auf einem Flug nach Detroit wollte ein junger Nigerianer kurz vor der Landung einen mitgeschmuggelten Explosivstoff zünden. Nur das Eingreifen eines anderen Fluggasts verhinderte, dass die Boeing mit fast 300 Menschen an Bord gesprengt wurde. Der Täter hatte offenbar Verbindungen zu dem Terrornetz Al Qaida und von dort Anleitung für den Anschlag erhalten. Er stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, hatte in London studiert und dort in einem feinen Stadtteil gelebt. Ihm stand die Welt offen, dennoch entschied er sich für einen Anschlag, bei dem er selbst mit sterben wollte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Ökonomie des Terrorismus ist offenbar komplizierter, als es die gängigen Klischees und Stereotype besagen. Eine oft gehörte Behauptung lautet: Vor allem extrem hoffnungslose, arme Menschen könnten zu (Selbstmord-)Attentätern werden. Wer eine wirtschaftliche Lebensperspektive sehe, würde sich dafür nicht hergeben. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 versprachen daher Politiker von Al Gore bis George Bush mehr Entwicklungshilfe und mehr Geld für Bildung - etwa im Nahen Osten -, um so die vermeintlichen wirtschaftlichen Gründe für Terrorismus zu bekämpfen.

          Kein Zusammenhang zwischen Armut und Terrorismus

          Die These, dass vorwiegend arme Menschen zu terroristischen Aktionen verführbar sind, ist jedoch nicht von den Fakten gedeckt. Das haben der Princeton-Ökonom Alan B. Krueger und die tschechische Orientalistin Jitka Malečková überzeugend dargelegt. Ihr Aufsatz „Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?“ im renommierten „Journal of Economic Perspectives“ (Herbst 2003) räumt mit verschiedenen gutmenschlichen Vorurteilen auf. Kurz gefasst lauten die Ergebnisse: Es gibt „keinen Beleg für die Behauptung, dass Armut und Terrorismus zusammenhängen“. Im Gegenteil, unter den Terroristen finden sich eher diejenigen, die besser ausgebildet sind als der Rest der Bevölkerung und die aus überdurchschnittlich wohlhabenden Schichten kommen.

          Dieses Ergebnis überrascht zunächst, wenn man an die klassische Theorie denkt, die als „Ökonomie des Verbrechens“ von Gary Becker begründet wurde. Sie basiert auf der Annahme der „rational choice“, der rationalen Wahlhandlung. Demnach wägen (potentielle) Kriminelle den erwarteten Nutzen und die erwarteten Kosten ihrer Tat ab. Je geringer ihre Verdienstmöglichkeiten in der regulären Wirtschaft, desto größer die Verlockung, sich kriminellen Aktivitäten zuzuwenden, sofern die Kosten, etwa die möglichen strafrechtlichen Sanktionen, nicht zu hoch sind und überwiegen. Diese empirisch gut belegte Theorie gilt jedoch vor allem für Vermögensdelikte. Bei Gewaltverbrechen wie Mord spielen wirtschaftliche Hintergründe - wenn überhaupt - eine nur schwache Rolle.

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