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Konjunktur : Wachstum kann man nicht erzwingen

Bild: F.A.Z.

Deutschland ist derzeit eine Ausnahme unter den wichtigen Industriestaaten. Die direkt von Finanz- und Immobilienkrisen betroffenen Länder erleben nur eine schleppende Erholung. Finden sie zurück zu den hohen Wachstumspfaden?

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          Wie Phönix aus der Asche steigt die deutsche Wirtschaft aus der Großen Rezession. Deutschland ist damit aber eine Ausnahme unter den wichtigen Industriestaaten. Die direkt von Finanz- und Immobilienkrisen betroffenen Länder erleben nur eine schleppende Erholung. Das ist der Unterschied zu „normalen“ Rezessionen, bei denen auf den Einbruch meist eine rasche Erholung zurück zum Trend, zum alten Wachstumspfad erfolgt. „Bei einer Krise wie der jüngsten ist es anders“, erklärt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. „Eine solche Krise führt zu dauerhaften Wachstumseinbußen.“ Die jüngste ähnle damit jenen großen Krisen, wie sie Kenneth Rogoff, der frühere IWF-Chefökonom, untersucht hat.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Schon ein oberflächlicher Blick auf die Konjunkturkurven der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Spaniens und Irlands zeigt dort einen markanten Bruch zwischen dem statistisch fortgeschriebenen Wachstumspfad der vergangenen fünf oder zehn Jahre und dem tatsächlich gemessenen, nach unten abgebogenen Verlauf seit der Krise. „All diese Länder hatten zuvor Übersteigerungen, die erst einmal korrigiert werden müssen“, sagt Scheide. Der Bausektor war aufgebläht, der Finanzsektor überdehnt. Nachdem die Blasen geplatzt sind, haben die Aufräumarbeiten begonnen. Das Schrumpfen des Bausektors und der Finanzinstitute ist ein schmerzhafter Prozess, verbunden mit einem starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Deutschland hingegen muss seine Wirtschaftsstruktur nicht so grundlegend neu justieren, daher geht die Erholung leichter voran.

          Der verzweifelte Kampf der Fed

          Die Vereinigten Staaten haben zwei große Stimuluspakete aufgelegt, zusätzlich versucht die Notenbank Fed, mit billigem Geld die Wirtschaft anzuschieben und wieder auf ihr altes Niveau zu heben (siehe Fed setzt Politik des billigen Geldes fort). Bislang zeigt das aber wenig Erfolg. Man kann eben Wachstum nicht einfach erzwingen, wenn die Volkswirtschaft sich erst strukturell völlig neu ordnen muss, meint Thomas Mayer, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank. In den Jahren des kreditgetriebenen Booms in Amerika sind immer mehr Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe abgebaut worden und stattdessen neue Jobs im Dienstleistungsgewerbe geschaffen worden. „Das hat das nominelle BIP aufgebläht, indem zum Beispiel ein früherer Arbeiter zum Häusermakler umgeschult wurde, der mehr verdiente“, erklärt Mayer.

          Nun aber liegt Amerikas Häusermarkt darnieder, der Finanzdienstleistungssektor erscheint überdimensioniert. Der Rückweg zu mehr Verarbeitendem Gewerbe ist aber kurzfristig versperrt, da viele Fabriken längst ins Ausland, vor allem nach Asien, verlagert sind. „Deshalb ist die strukturelle Arbeitslosigkeit heute deutlich höher anzusetzen und das Produktionspotential niedriger“, betont Mayer. „Die Fed kämpft gegen eine Arbeitslosigkeit an, die nach dem Platzen der Blase strukturell begründet ist, das kann nicht funktionieren.“

          Fehleinschätzung mit Folgen

          Wie hoch die Output-Lücke in den Vereinigten Staaten ist, also die Lücke zwischen der aktuellen und der möglichen Produktion, ist eine entscheidende Frage für die Wirtschafts- und Geldpolitik. Nach den Zahlen des regierungsamtlichen Congressional Budget Office betrug die Output-Lücke im Krisenjahr 2009 gigantische 8 Prozent und könnte noch immer mehr als 5 Prozent ausmachen - in absoluten Zahlen rund 800 Milliarden Dollar. Trifft aber die These zu, dass der Wachstumspfad in den kreditgetriebenen Boomjahren überzeichnet war und dass die Krise einen Teil der Produktionskapazitäten unbrauchbar gemacht hat, dann wäre die Lücke viel kleiner.

          Es gibt eine wachsende Zahl von Ökonomen, die diese These vertreten. IfW-Konjunkturchef Scheide warnt vor den Konsequenzen einer Fehleinschätzung: „Wenn die Fed die Output-Lücke überschätzt, dann ist ihre Geldpolitik zu lange expansiv, das würde Inflationsgefahren bergen.“ Mayer sieht gar das Risiko einer Stagflation wie in den siebziger Jahren am weiteren Horizont. In einem bekannten Aufsatz hat der zypriotische Ökonom Athanasios Orphanides, einer der Vizepräsidenten der EZB, gezeigt, dass damals die meisten Notenbanken die Output-Lücke überschätzten und deshalb zu lange mit einer lockeren Geldpolitik versuchten, die Wirtschaft wieder auf den früheren Wachstumspfad zu heben. Statt Wachstum ernteten sie aber Inflation.

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