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Der Verkäufer als Bösewicht : Alles Wichtige über Leerverkäufe

Bild: dpa

Die Börsenaufsicht in mehreren europäischen Ländern geht gegen sogenannte Leerverkäufe von Aktien vor. In Deutschland wurden bestimmte Leerverkäufe schon im Mai 2010 verboten. Doch solche Verbote wirken allenfalls kurzfristig.

          5 Min.

          Was sind Leerverkäufe?

          Leerverkäufe („Shorts“) sind eine seit Jahrzehnten bekannte Strategie von Großanlegern wie Banken und Hedgefonds, aus erwarteten Kursrückgängen Gewinn zu erzielen. Leerverkäufe können aber nicht nur für Spekulationen, sondern auch für Absicherungszwecke betrieben werden. Das Besondere des Leerverkaufs besteht in der Tatsache, dass Leerverkäufer im Moment des Verkaufs kein Eigentum an den von ihm verkauften Finanzprodukten besitzen. Sie verkaufen somit „leer“. Die Rechtfertigung von Leerverkäufen lautet: Da Kurse ebenso steigen wie fallen können, muss es als Anleger möglich sein, von steigenden wie von fallenden Kursen zu profitieren. Man unterscheidet zwei Arten von Leerverkäufen: Gedeckte Leerverkäufe und ungedeckte Leerverkäufe.

          Was sind gedeckte Leerverkäufe?

          Ein Beispiel, in dem Leerverkäufe für Spekulationen eingesetzt werden: Ein Hedgefonds sieht eine Baisse französischer Bankaktien voraus und will davon profitieren. Aber er besitzt solche Papiere nicht. Bei einem gedeckten Leerverkauf leiht sich der Hedgefonds vorübergehend französische Bankaktien bei anderen Großanlegern wie Versicherungen oder Investmentfonds, die hier für eine Gebühr vereinnahmen. Für solche Großanleger sind diese Verleihungen ein nettes Nebengeschäft. Daraufhin verkauft der Hedgefonds die geliehenen Papiere. Fällt der Kurs der Aktien deutlich, kann der Hedgefonds die Papiere zu niedrigeren Kursen zurückkaufen, wonach er sie an den Verleiher zurückgibt. Fällt wie erwartet der Aktienkurs, erzielt der Hedgefonds einen Gewinn. Steigt der Aktienkurs während des Leihgeschäfts allerdings, erleidet der Hedgefonds einen Verlust. Leerverkäufe sind somit nicht risikolos.

          Was sind ungedeckte Leerverkäufe?

          Ungedeckte Leerverkäufe sind die riskantere und umstrittene Version. Hier leiht sich ein Verkäufer gar nicht erst Aktien; er verkauft Aktien, die er überhaupt nicht besitzt. Das hat zur Folge, dass bei ungedeckten Leerverkäufen sehr große Mengen an Papieren verkauft werden können, was sehr große Kurseinbrüche zur Folge haben könnte. Der Verkäufer muss allerdings darauf achten, dass er die Papiere rasch genug zurückkauft, um die zuvor verkauften Papiere dem Erwerber rechtzeitig liefern zu können. Während in der Finanzbranche gedeckte Leerverkäufe einhellig als notwendiges und sinnvolles Instrument angesehen werden, gehen die Ansichten über die ungedeckten Leerverkäufe auseinander. Während sogar manche Investmentbanken ungedeckte Leerverkäufe als zu riskant betrachten, weist die Internationale Vereinigung der Derivatehändler (ISDA) darauf hin, dass es ohne Leerverkäufe keine funktionierenden Märkte für Kreditausfallderivate (CDS) auf Anleihen geben könnte.

          Wie gefährlich sind Leerverkäufe?

          Hierüber gehen die Ansichten bei Finanzmarktteilnehmern und der Politik weit auseinander. Die Kritiker sagen, mit Hilfe von Leerverkäufen ließen sich schwere Kursturbulenzen an den internationalen Finanzmärkten auslösen, die im Extremfall sogar die Stabilität des Banksystems gefährden oder das Wirtschaftswachstum nachhaltig belasten könnten. Außerdem könnten Leerverkäufer Kurse manipulieren, indem sie über ein Unternehmen oder ein Land nachteilige Gerüchte verbreiteten, die dann den erwünschten Kurseinbruch unterstützten. Aus der Sicht der Befürworter setzen Leerverkäufer keine Trends, sondern reagieren lediglich auf politische oder wirtschaftliche Vorgänge. Aus dieser Sicht sind nicht die Leerverkäufer verantwortlich für den starken Anstieg der Renditen griechischer Staatsanleihen im Frühjahr 2010, der internationale Hilfsprogramme für das Land zur Folge hatten. Vielmehr sei die desaströse politische und wirtschaftliche Lage Griechenlands ursächlich für das wachsende Misstrauen von Anleihekäufern, das sich dann in sehr hohen Renditen niedergeschlagen habe. Leerverkäufer hätten von diesem Trend profitiert, ihn aber nicht ausgelöst. Befürworter von Leerverkäufen verweisen zudem auf das Argument, dass Leerverkäufer Liquidität in Märkte brächten und damit eher kursdämpfend als kursverstärkend wirken.

          Wo sitzen die Leerverkäufer?

          Dort, wo die meisten Hedgefonds sitzen: In den Vereinigten Staaten und in London. Nach Ansicht von Branchenkennern wird der größte Teil dieser Geschäfte in New York getätigt. Daraus folgt, dass Verbote von Leerverkäufen alleine in Kontinentaleuropa nur einen begrenzten Einfluss auf den Markt haben. Zu bedenken ist auch, dass Großanleger Aktiengeschäfte keineswegs über offizielle Börsen abwickeln müssen, da für sie spezielle elektronische Handelsplattformen existieren.

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