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Geschwindigkeitsbegrenzung : Der unklare Nutzen des Tempolimits

Vorbereitung fürs Langsamerfahren: Ein Mitarbeiter einer Autobahnmeisterei stellt ein Tempolimit-Schild in Hessen auf. Bild: dpa

Mehrere Institutionen wollen ein Tempolimit wissenschaftlich prüfen lassen. Tatsächlich ist die Datenlage schwach.

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          In der Debatte um ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen haben Versicherungswirtschaft und Polizeivertreter die Bundesregierung aufgefordert, die Wirkung einer Geschwindigkeitsbegrenzung genauer zu prüfen. Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schwebt dabei ein Praxistest vor. Durch ihn soll geklärt werden, „ob ein Tempolimit auf Autobahnen wirklich zu einem deutlichen Mehr an Sicherheit führt und, wenn ja, wie viel“, sagte GDV-Vertreter Siegfried Brockmann den Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“. Bisher seien die Wirkungen wissenschaftlich nicht umfassend untersucht worden. „Da haben wir, was Deutschland angeht, eine Lücke“, ergänzte Brockmann, der die Unfallforschung für den Lobbyverband der deutschen Versicherer leitet.

          Martin Gropp
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zuvor hatte schon die Gewerkschaft der Polizei für ein unabhängiges wissenschaftliches Gutachten plädiert, um valide Zahlen über den Nutzen einer Geschwindigkeitsbegrenzung zu erhalten. „Mit einer solchen Grundlage kann man die aktuell sehr emotionsgeladene Diskussion sicher auf eine sachliche Ebene bringen“, sagte Michael Mertens, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft, dem „Handelsblatt“.

          Regierung plant weiter keine Begrenzung

          Eine Sprecherin der Bundesregierung äußerte am Montag, die Regierungskoalition aus Union und SPD habe weiter nicht vor, die Geschwindigkeit auf Autobahnen auf zum Beispiel 130 Kilometer in der Stunde zu deckeln. „Die Bundesregierung plant kein allgemeines Tempolimit auf bundesdeutschen Autobahnen“, bekräftigte die Sprecherin. Auch der Koalitionsvertrag sehe keines vor. Darüber hinaus gebe es „keinen neuen Stand“.

          Rund um die Weihnachtsfeiertage hatten Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und die neue Ko-Vorsitzende der SPD, Saskia Esken, für ein allgemeines Tempolimit plädiert. Dieses müsse im neuen Jahr weiter diskutiert werden, sagte Esken. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) lehnte eine Geschwindigkeitsbegrenzung dagegen abermals strikt ab. Auch der Verband der Automobilindustrie ist dagegen und empfiehlt stattdessen vernetzte Leitsysteme, die den Verkehr intelligent steuern sollen. Erst im Oktober hatte der Bundestag in namentlicher Abstimmung mehrheitlich gegen ein Tempolimit votiert.

          „Forschungspolitisches Loch“

          Tatsächlich existieren derzeit lediglich Schätzungen, was die Wirkung eines Tempolimits auf die Zahl der Verkehrstoten oder der Unfälle auf deutschen Autobahnen betrifft. Der Verkehrsclub Deutschland, der sich für ökologisch orientierte Mobilität einsetzt, spricht sogar von einem „forschungspolitischen Loch“, das dafür sorge, dass teilweise neue Daten mit älteren Annahmen hochgerechnet würden. Unstrittig ist zumindest, dass zwischen der Durchschnittsgeschwindigkeit und der Zahl der Unfälle ein Zusammenhang besteht: Je schneller ein Fahrzeug fährt, desto mehr Unfälle geschehen. Umgekehrt könnte eine Verringerung der Durchschnittsgeschwindigkeit um 5 Prozent die Zahl der Unfälle mit Verletzten um 10 Prozent senken und die der Unfälle mit Todesfolge gar um 20 Prozent, wie mehrere wissenschaftliche Untersuchungen nahelegen. Berechnungen des Dresdner Verkehrspsychologen Bernhard Schlag zufolge wären unter bestimmten Annahmen 80 Todesfälle im Jahr auf deutschen Autobahnen vermeidbar.

          Auswertungen mit älteren Daten bestätigen zumindest diese Tendenz. So hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat, dem unter anderem Verkehrsministerien, Versicherungen, Automobilklubs und Vertreter der Autobranche angehören, anhand der Unfallstatistik aus dem Jahr 2013 errechnet, dass auf Autobahnstrecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung im Durchschnitt 30 Prozent mehr Verkehrstote zu beklagen sind als auf Abschnitten mit Tempolimit. Mit den Daten des Jahres 2011 waren es demnach 25 Prozent mehr.

          Gleichzeitig verweist zum Beispiel der Autofahrerklub ADAC immer wieder darauf, dass die Autobahnen die sichersten Straßen in Deutschland seien. „Zwar werden hier pro Jahr etwa ein Drittel aller Kraftfahrzeugkilometer gefahren. Der Anteil der Verkehrstoten aber ist im Vergleich dazu mit rund 13 Prozent unterdurchschnittlich: Pro eine Milliarde Fahrzeugkilometer sterben dort derzeit 1,7 Menschen“, heißt es vom ADAC. Ein Zusammenhang zwischen generellem Tempolimit und dem Sicherheitsniveau auf Autobahnen sei auch im internationalen Vergleich nicht feststellbar: Länder mit Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen wie Belgien, Frankreich oder die Vereinigten Staaten schnitten nicht besser ab als Deutschland.

          Der ADAC sieht Landstraßen als Schwachstelle

          Laut ADAC ereignen sich zudem in Deutschland auf Abschnitten ohne Tempolimit nicht mehr Unfälle als auf Strecken mit Tempolimits von 120 oder 130 Kilometern in der Stunde. Demnach lasse sich dort auch keine höhere Unfallschwere feststellen, die in Getöteten je 1000 Unfälle mit Personenschaden gemessen wird. „Die eigentliche Schwachstelle in Sachen Verkehrssicherheit sind die Landstraßen, wo knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten registriert werden – obwohl dort nur 40 Prozent der Kfz-Fahrleistungen zusammenkommen“, argumentiert der ADAC.

          In der Tat gibt es nach Angaben der Brüsseler Nichtregierungsorganisation European Transport Safety Council sowohl Länder mit Autobahntempolimit, in denen deutlich mehr Menschen umkommen als in Deutschland, als auch solche Staaten, in denen es weniger sind. Allerdings sind auch diese Daten mit Vorsicht zu interpretieren, da sie älter sind und wegen unterschiedlicher Erhebungsmethoden der Bezugsgröße Fahrzeugkilometer nicht ohne weiteres vergleichbar sind.

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