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Zollstreit eskaliert : Der Überschuss, über den Donald Trump nicht spricht

Donald Trump legt sich im Handelsstreit mit dem Rest der Welt an – und auch mit China (hier der Schanghaier Containerhafen). Bild: dpa

Amerikas Präsident legt sich im Handel mit dem Rest der Welt an. Die Zahlen, die nicht nur er verwendet, sind aber nicht so eindeutig, wie die Handelskrieger uns glauben machen wollen.

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          Kein Politiker nutzt die Handelsstatistik so ausdauernd als Propagandawaffe wie der amerikanische Präsident Donald Trump. Er wiederholt bei jeder Gelegenheit, dass das gewaltige Handelsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten ein Verlust sei, den andere Länder den Vereinigten Staaten zufügten. China, Kanada, die EU oder Deutschland, alle beuteten Amerika aus, verbreitet Trump, nicht ohne drohend zu schließen, er werde das nicht länger zulassen.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Doch inzwischen kontern die ins Visier genommenen Länder die schlichten Deutungen aus dem Weißen Haus mit eigenen durchaus verblüffenden Interpretationen des Zahlenwerks. Bundeskanzlerin Angela Merkel überraschte die Öffentlichkeit mit dem Hinweis, Amerika erziele in Wahrheit einen Handelsüberschuss mit der Europäischen Union, wenn man Dienstleistungen einbeziehe und nicht nur den Güteraustausch betrachte.

          Ihre Äußerung beruht offenbar auf Forschungen vom Ifo-Institut. Zwei Wissenschaftler haben aus den Untiefen der offiziellen Zahlenwerke des amerikanischen Bureau of Economic Analysis BEA tatsächlich die verblüffende Erkenntnis ausgebuddelt, dass Amerika gar kein Defizit mit der EU hat, sondern einen Überschuss – und dass immerhin seit dem Jahr 2009.

          Mehr Rendite macht's

          Allerdings gibt es Haken: Die Forscher haben statt in die Handelsbilanz in die Leistungsbilanz geguckt. Die ist umfassender. Neben den Exporten und Importen von Gütern und Dienstleistungen enthält sie noch zwei weitere Teilbilanzen: Das sogenannte Primäreinkommen und das im Moment nicht entscheidende Sekundäreinkommen. Das Primäreinkommen wird in dieser Debatte zur Schlüsselgröße, dahinter verbergen sich grenzüberschreitende Zahlungen aus Erwerbstätigkeit und vor allem aus Vermögensanlagen (zum Beispiel Zinsen und Dividenden).

          Das führt zu folgendem Zwischenergebnis: Betrachtet man nur den Güteraustausch (die Trumpsche Perspektive), dann hat die EU einen Überschuss von rund 150 Milliarden Dollar mit den Vereinigten Staaten. Rechnet man Dienstleistungen hinein, schrumpft der Überschuss auf 100 Milliarden Dollar. Mit dem Einbezug des Primäreinkommens verschwindet der Überschuss komplett.

          Ein Computerchip, den Mitarbeiter der Tsinghua Unigroup in Peking erfunden haben: Technologie ist ein großer Streit zwischen Amerika und China.

          Dass die Amerikaner beim Primäreinkommen einen Überschuss erwirtschaften, ist für sich genommen verblüffend. Es ist, schreibt der Ökonom Jens Suedekum in einem sehr instruktiven Twitter-Thread zur Interpretation der Handelsstatistiken, der magischen Fähigkeit der Amerikaner geschuldet, deutlich höhere Erträge aus ausländischen Geldanlagen zu ziehen als Ausländer mit amerikanischen Geldanlagen erwirtschaften. Darin spiegele sich das Dollar-Privileg. Ausländer kauften oft amerikanische Bonds mit Mini-Erträgen, während Amerikaner im großen Stil in höherverzinslichen Anlagen investiert seien.

          Deutschland ist nicht vom Haken

          Die Europäer könnten allerdings deutlich entspannter gegenhalten, wenn nicht die Europäische Statistik-Behörde skurrilerweise einen Leistungsbilanzüberschuss mit den Amerikanern ausweisen würde. Anders gesagt: Die offiziellen Zahlenwerke der EU und der Vereinigten Staaten stimmen in dieser brisanten Frage nicht überein. Ökonom Suedekum und einige seiner Kollegen glauben, dass in dieser Frage den amerikanischen Statistikern eher getraut werden könne. Sie präsentieren Zahlen, die nicht zur offiziellen Rhetorik passen und sie müssen anders als die Europäer nicht Datenberge aus unterschiedlichen Ländern zusammen führen.

          Selbst wenn man wohlbegründet eher der amerikanischen Statistik zuneigt, ist allerdings Deutschland nicht vom Haken. Denn das BEA weist für Deutschland einen Handelsbilanzüberschuss mit Amerika in Höhe von 64 Milliarden Dollar aus, der durch Defizite bei den Dienstlungen und dem Primäreinkommen kaum geschmälert wird. Das macht Merkels Argumentation riskant, die EU habe ja keinen Überschuss mit Amerika. Denn folgen die Amerikaner dieser Linie, dann kristallisiert sich für sie Deutschland als der böse Bube heraus.

          Hier argumentiert Ifo-Chef Clemens Fuest, selbst dieser Überschuss sei überzeichnet, weil er durch Gewinnverlagerungen in die Niederlande oder Belgien verfälscht wird. Von hier an wird es ziemlich kompliziert. Und der Ökonom Suedekum twittert, niemand wisse so richtig, was da los sei. So sei der deutsche Überschuss mit den Vereinigten Staaten vielleicht kleiner als die blanken Zahlen auswiesen, er existiere aber und vermutlich in stattlicher Größe.

          Wie die Handelsstatistik noch ganz anders gedeutet werden kann, führt die Deutsche Bank im Handelsstreit zwischen Amerika und China vor, bei dem die größte Bank der Bundesrepublik überraschenderweise ausgerechnet der Regierung in Peking reichlich Argumentationsmaterial an die Hand gibt. „Der 1,4 Billionen-Überschuss, über den Donald Trump nicht spricht“, heißt die Überschrift eines Artikels der Nachrichtenagentur Bloomberg vom Dienstag.

          Der Text bezog sich auf eine Analyse des für China zuständigen Analysten Zhiwei Zhang der Deutschen Bank mit Sitz in Hongkong. Rechne man die Verkäufe amerikanischer Konzerne im Ausland mit ein, hätten die Vereinigten Staaten kein Handelsbilanzdefizit, sondern einen Überschuss mit China in Höhe von 20 Milliarden Dollar und mit der Welt insgesamt in Höhe von besagten 1,4 Billionen Dollar.

          Wer außer Acht lasse, dass Chinesen „mehr iPhones besitzen“ und „mehr Autos von General Motors kaufen“ als Amerikaner, verzerre die Wirklichkeit. In den vergangenen zehn Jahren hätten amerikanische Unternehmen im Ausland mehr verkauft als alle anderen Länder zusammengerechnet in Amerika.

          „Warenströme führen in die Irre“

          Zwar hatten die Analysten sich verrechnet, wie sich später herausstellte: so beträgt nach dieser Zählweise der Überschuss Amerikas mit der Welt eine halbe Billion Dollar weniger. Die Grundaussage sei aber dieselbe geblieben, sagt Zhang im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Zur Frage, wer im Handel zwischen Amerika und China verliert und wer gewinnt, führt die herkömmliche Berechnung der Warenströme in die Irre.“

          Tatsächlich bildet die Handelsbilanz, die nach der festen Überzeugung von Präsident Donald Trump eines der größten Probleme Amerikas darstellt, nur den Wert der Waren ab, die aus einem Land in ein anderes verschifft werden und umgekehrt. Fast sämtliche von General Motors in China verkauften Autos werden in China selbst hergestellt und fließen in die Handelsstatistik nicht ein. Ebenso verhält es sich mit dem iPhone.

          Doch würde es etwas im Streit Donald Trumps mit China und Europa etwas ändern, würde der Verkaufspreis von iPhones und der im Reich der Mitte beliebten Autos der General-Motors-Marke Buick auf die amerikanische Handelsbilanz aufgeschlagen? Ökonom Brad Setser vom Council on Foreing Relations findet das nicht. Was die hohen Verkäufe amerikanischer Produkte in Ländern wie China zeige, sei vor allem, dass „die Interessen der amerikanischen Wirtschaft nicht unbedingt den Interessen Amerikas entsprechen“.

          IT-Spezialisten und Industriearbeiter

          Tatsächlich hat Trump nie einen Hehl daraus gemacht, dass er weniger an hohen Dividenden für die Aktionäre von Apple und General Motors interessiert ist, die sich aus den phantastischen Umsätzen und Gewinnen ihrer Tochtergesellschaften in China interessiert ist. Unternehmen sind in Trumps Augen dann gut, wenn sie in Amerika produzieren und Arbeitsplätze schaffen.

          „Die Verkäufe amerikanischer Unternehmen in China haben sehr wohl neue Arbeitsplätze in Amerika geschaffen“, hält Deutsche-Bank-Analyst Zhang dem entgegen. Doch er gibt zu: manche Regionen und Gehaltsgruppen hätten mehr von der Globalisierung profitiert als andere, zum Beispiel „IT-Spezialisten im Silicon Valley mehr als Arbeiter in den traditionellen Industrien in Amerikas Rostgürtel“. Dort, lauten die Schätzungen von Denkfabriken wie dem Washingtoner Economic Policy Institute oder dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), habe die Verlagerung der Produktion nach China rund 2 bis 3 Millionen Arbeitsplätze vernichtet und die Löhne für Erwachsene gesenkt, die keinen College-Abschluss haben.

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