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Kosmetikprodukte : Der Streit um Mikroplastik spitzt sich zu

Mikroplastik findet sich auch in vielen Zahnpasten. Bild: dpa

Forscher des Fraunhofer-Instituts geben Kritikern der Kosmetikindustrie neue Nahrung. Kommt auch in Deutschland bald ein Verbot, so wie in Schweden?

          3 Min.

          Die vermeintliche Gefahr kommt aus dem Badezimmer. Wer sich Hautcreme ins Gesicht schmiert oder Shampoo in die Haare, bringt Kunststoff in die Umwelt, von dem er oft gar nichts weiß. Denn die Kugeln und Fasern aus Mikroplastik sind kleiner als 5 Millimeter und damit für das menschliche Auge kaum sichtbar. Grüne und Umweltverbände warnen seit Jahren: Was im Abwasser landet und Klärwerken entgeht, erreicht Flüsse, Seen und Meere – und damit über kurz oder lang Mineralwasser und Forellenfilet.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nun ist mit Hamburg Wasser erstmals ein großer Versorger vorgeprescht und hat zum Kampf gegen Mikroplastik in Kosmetika aufgerufen. Wasserwerke und Kläranlagen seien „kein Reparaturbetrieb für gesellschaftliches und wirtschaftliches Fehlverhalten“, schimpfte Geschäftsführerin Nathalie Leroy jüngst auf der Bilanzpressekonferenz. Man wünsche sich ein Verbot von Stoffen, die biologisch nicht abbaubar seien, keinen gesellschaftlichen Nutzen hätten und von Kläranlagen nicht vollständig gefiltert werden könnten. Vorbild sei Schweden. Dort wird vom 1. Juli an Mikroplastik aus Kosmetik und Körperpflege verbannt. In den Vereinigten Staaten und Großbritannien ist das Verbot längst Realität. Warum also nicht auch in Deutschland?

          Wie so oft sind lautstarke Forderungen schneller erhoben als Nachweise erbracht, dass von winzigen Plastikteilen wirklich eine ernste Gesundheitsgefahr ausgeht. Lange stocherte die Wissenschaft im Nebel. Erst vorletzte Woche bekräftigte die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hin, dass eine Gefahr für Umwelt und Natur „bislang nicht hinreichend geklärt“ sei. Die Aufnahme von Mikroplastik durch den Verzehr von Fischen sei unwahrscheinlich, da man nur bei wenigen Kleintieren wie Sardellen den Verdauungstrakt verspeise.

          Partikel machen den Löwenanteil aus

          Das gelte auch für die Sorgen vor verdrecktem Trinkwasser – speziell durch Kosmetika, aber ganz allgemein durch Kunststoffprodukte aller Art. Laut Bundesregierung werden weit mehr als 90 Prozent des Mikroplastiks im Abwasser durch Kläranlagen erfasst, große Stücke von Plastikflaschen oder Joghurtbechern ohnehin.

          Doch jenseits langsamer Berliner Politikmühlen beginnt sich der Verdacht der Umweltverbände zu erhärten, dass Mikroplastik zumindest mengenmäßig ein bislang sehr wohl unterschätztes Problem ist. In diese Richtung geht eine in dieser Woche Freitag veröffentlichte Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik, die der F.A.Z. vorliegt.

          Herrschte auch beim Umweltbundesamt bislang der Glaube vor, in seine Einzelteile zerfallende Großplastikstücke zum Beispiel aus PET-Flaschen seien die Hauptquelle für Mikroplastik, beziffern die Autoren diesen Anteil zumindest für Deutschland auf kaum mehr als ein Viertel. Den Löwenanteil von Mikroplastik in der Umwelt machen also Partikel aus, die in der Produktion und durch die Nutzung in Kleinform vorliegen.

          Kosmetikindustrie aus dem Schneider?

          Geringfügig ist allerdings auch die Bedeutung von Kosmetika, so sehr diese immer wieder als beliebtes Beispiel in den Medien herhalten. So emittiert laut Studie jeder Deutsche im Durchschnitt jährlich eine 65-fach größere Menge Mikroplastik durch den Abrieb von Reifen als durch die Verwendung von Produkten aus der Abteilung Haar-, Haut- und Gesichtspflege.

          Vor allem verbesserte Straßenabläufe sind aus Sicht von Leandra Hamann, Mitautorin der Fraunhofer-Studie, deshalb immens wichtig. Diese Problemquelle sei bislang vernachlässigt worden. Das gelte auch für Kleidungsfasern, die wir einatmen oder die über die Luft in unserem Wasserglas landeten, oder für Partikel, die wir durch den Abrieb von Schuhsohlen aufnehmen. Kläranlagen hingegen, da gibt sie der Bundesregierung Recht, würden Mikroplastik schon heute fast vollständig zurückhalten.

          Ganz aus dem Schneider ist die Kosmetikindustrie damit jedoch nur bedingt. Sie verweist auf die Wirksamkeit der vor fünf Jahren zwischen Umweltministerium und Herstellern ausgehandelten freiwilligen Selbstverpflichtung. Stolz präsentiert der Branchenverband IKW die Ergebnisse einer europaweiten Umfrage, wonach sich die Menge an „festen, nicht abbaubaren Kunststoffpartikeln, die in abzuspülenden kosmetischen Produkten aufgrund ihres Reinigungs- und Peelingeffekts eingesetzt werden“, bis 2017 um 97 Prozent reduziert habe.

          Die Hersteller haben schlagende Argumente

          Doch steckt der Teufel in der Definition. Denn wo von festen Partikeln die Rede ist, ist Mikroplastik in Gel-, Wachs- und Flüssigform ausgeklammert. BUND und Greenpeace fordern seit jeher, sie einzubeziehen und auch in der Fraunhofer-Studie sind sie enthalten. Sonst hätte man sogenannte Viskositätsregler oder Film- und Gelbildner, wie sie in vielen Kosmetika zu finden sind, ausklammern müssen, sagt Mitautorin Hamann.

          Eine allgemeingültige Definition gebe es nicht. Deshalb sei auch in anderen Ländern nicht Mikroplastik in jeder Form verboten, sondern eben nur festes. Wer aber das Vorsorgeprinzip beherzige, müsse laut Fraunhofer-Studie alle Eintragsquellen von Mikroplastik reduzieren. Kosmetika seien als Produkte des täglichen Bedarfs nun mal ein Stellvertreter, der das Bewusstsein schärfe.

          Die Industrie hält dagegen: Mikropartikel seien zur Reinigung unverzichtbar, etwa bei starken Verschmutzungen im gewerblichen Bereich. Und ein effektiver Hitzeschutz beim Haarstyling oder eine gute Abdeckungswirkung bei Make-ups sei ohne Mikroplastik in Gel-, Wachs- und Flüssigform undenkbar. Der fehlende Nachweis über gesundheitliche Gefahren gibt den Herstellern Recht. Der anhaltende Konsum erst recht.

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