https://www.faz.net/-gqe-vctn

Gerhard Heimerl : Der Streckenbauer von Stuttgart

Gerhard Heimerl Bild: Universität Stuttgart

Der ideelle Vater des teuren Großprojekts Stuttgart 21 heißt Gerhard Heimerl. Der Bauingenieur zeichnete und entwarf anfangs auf eigene Faust. Nun wird es in Stuttgart vielleicht irgendwann einmal einen „Gerhard-Heimerl-Platz“ geben. Ein Porträt.

          2 Min.

          Irgendwann wird es in Stuttgart vielleicht einmal einen „Gerhard-Heimerl-Platz“ geben. Vielleicht in direkter Nähe des Bahnhofs. Denn mit der Entscheidung, einen neuen Bahnhof in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu bauen, dürfte der emeritierte Professor und frühere Direktor des Verkehrswissenschaftlichen Instituts der Universität Stuttgart endgültig als ideeller Vater des teuren Großprojekts in die Geschichte eingehen, das die Schwaben bis zum Jahr 2030 beschäftigen wird.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Heimerl war es, der sich Mitte der achtziger Jahre über Pläne der Bahn aufregte, eine Hochgeschwindigkeitsstrecke durch das Filstal zu bauen und jenseits der Stuttgarter Innenstadt einen Fernbahnhof zu errichten. Heimerl nannte diese Pläne „von Anfang an miserabel“. Er legte einen Plan für eine Streckenführung parallel zur Autobahn A 8 vor, fortan war nun nur noch von der „Heimerl-Trasse“ die Rede. Genaugenommen gab es wohl schon im 19. Jahrhundert Überlegungen, die Eisenbahn nicht über die Geislinger Steige nach Ulm zu führen, auch in den zwanziger Jahren war eine solche Strecke schon einmal in der Diskussion. Politisch entscheidungsreif machte diese Ideen aber erst der heute 73 Jahre alte Heimerl.

          Auf eigene Faust

          Der Bauingenieur zeichnete und berechnete einen Gegenentwurf auf eigene Faust, ohne offiziellen Auftrag. Die Bahn lehnte den Vorschlag zunächst ab, als den Bahn-Managern und Verkehrsplanern aber zwei Vorteile der Heimerl-Trasse deutlich wurden, stimmten sie schließlich zu. Heimerls Plan, den Bahnhof zwölf Meter tiefer zu legen und den alten Kopfbahnhof aufzugeben, machte es möglich, die alten Gleisflächen zu bebauen

          Die Aussicht, kostbares innerstädtisches Bauland in der aus geographischen Gründen engen Talkessel-Stadt zu verkaufen, steigerte die Attraktivität des Projekts für die Bahn. Auch können die Hochgeschwindigkeitszüge im europäischen Schnellbahnnetz auf der Strecke bei Geislingen wohl niemals schneller als 120 Stundenkilometer fahren.

          „Sieg der Vernunft“

          1995 hatte Heimerl dann schon einmal Hoffnung geschöpft, dass es mit „Stuttgart 21“ endlich etwas werden könnte. Stadt, Land, Bahn und Bund hatten damals einen Finanzierungsvertrag unterzeichnet, doch es sollten noch fast zehn Jahre vergehen, bis etwas geschah. Wie bei vielen risikoreichen Großprojekten waren auch in diesem Fall die Politiker langsamer als die politische Semantik, die sie selbst mit dem Namen „Stuttgart 21“ vorgegeben hatten. Unter den rot-grünen Bundesregierungen, als der Bundesminister Müntefering und der Bahnchef Ludewig hießen, kam das Projekt nicht voran. Die immer wiederkehrenden voreiligen Überschriften „Grünes Licht für Stuttgart 21“ mochte Heimerl wohl nicht mehr lesen. Er habe immer an einen „Sieg der Vernunft“ geglaubt, hat Heimerl kürzlich gesagt. Ob ein so starkes finanzielles Engagement des Landes für eine Aufgabe des Bundes „vernünftig“ ist, wollte der Verkehrswissenschaftler damit sicher nicht beurteilen.

          Der 1933 in Neudorf/Marienbad geborene Wissenschaftler studierte an der TH München Bauingenieurwesen, 1958 arbeitete er zunächst bei der Deutschen Bahn und dem Bundesverkehrsministerium, 1973 erhielt er einen Ruf an die Universität Stuttgart. Sogar als Bahnhofsvorsteher von Nagold soll Heimerl einmal gearbeitet haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.