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Gesellschaftlicher Aufbruch : Sind wir noch liberal?

Wir konsumieren, was das Zeug hält – aber sind wir noch liberal? Bild: dpa

Wir reisen, wir konsumieren – wir leben in einer globalisierten Welt. Vor 30 Jahren gab es einen großen liberalen Aufbruch. Inzwischen hat sich die Stimmung trotz unser vielen Freiheiten gedreht. Wie kommt das? Ein Essay.

          8 Min.

          Früher war alles teurer und schlechter. Nur weiß das heute kaum noch jemand. Ein Flugticket der Lufthansa nach Südafrika, nur so als Beispiel, kostete 1988 noch 1880 DM (umgerechnet 961 Euro), heute gibt es den Flug nach Johannesburg für 650 Euro, also etwa ein Drittel billiger. Wer mit Egyptair fliegt – und einen Stopp in Kairo in Kauf nimmt –, kann das Ticket schon für 360 Euro haben.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Woran das liegt? Das Kerosin kann es nicht sein. Während die Preise für Flüge in den vergangenen 30 Jahren um durchschnittlich 30 Prozent gesunken sind, stieg der Ölpreis im vergleichbaren Zeitraum um 300 Prozent. Die richtige Antwort auf die Preisfrage lautet: Es liegt an der Deregulierung. 1988 besaß das Staatsunternehmen Lufthansa ein Monopol. Das Fliegen war einer strengen Regulierung unterworfen; Preise und Kapazitäten wurden vorgegeben. Die Folge: Ein geringes Angebot, dafür aber teuer. Fliegen war bis ins späte 20. Jahrhundert den Reichen und Schönen vorbehalten. Heute ist Fliegen demokratisiert. Krethi und Plethi können es sich leisten – die ökologischen Folgen stehen auf einem anderen Blatt.

          Das 21. Jahrhundert ist bisher keine Zeit des Aufbruchs

          Dass es uns heute so viel besser geht als vor dreißig Jahren, ist Frucht einer Liberalisierungsbewegung, der sich damals viele gesellschaftliche Gruppen und Parteien von liberal über rechts bis links verschrieben hatten. Das liberale Versprechen beschränkte sich nicht nur auf wirtschaftliche Ziele (stetiges Wachstum, niedrige Inflation, besseres Angebot), sondern bezog sich auch auf kulturelle Werte: Autonomie, Lob der Individualität und Wahlfreiheit. Kosmopolitische Linksliberale und marktliberale Ökonomen waren – zeitlich befristet – ein Bündnis eingegangen.

          Zu ergründen, warum dieser Schwung der Liberalisierung heute in Verruf gekommen ist, „Deregulierung“ und „Neoliberalismus“ von links über rechts bis liberal verteufelt werden, ist Ziel dieses Artikels. Die Stimmung hat sich gedreht, nicht erst im Jahr 2018; es geht schon eine ganze Weile so.

          Stimmungen sind wirkmächtiger als man denkt. Ökonomen unterschätzen ihre Macht. Stimmungen seien „Gefühle der Gesellschaft“, schreibt der Soziologe Heinz Bude in einem schönen Essay über das „Gefühl der Welt“: Sie lenken den Blick auf ganz bestimmte Erfahrungen und drängen andere in den Hintergrund. Von Aufbruch und Zuversicht ist heute keine Rede mehr. Vielmehr fühlen wir uns bedroht, meinen uns vor allem darum kümmern zu müssen, wie wir das Erreichte sichern. War die Stimmung des späten 20. Jahrhunderts vom Ziel der Öffnung geprägt, macht sich heute das Gefühl breit, man sei zu kurz gekommen, es werde über einen hinweg regiert. An der Globalisierung wollen inzwischen viele für sich nur noch Nachteile erkennen. „So haben wir nicht gewettet“, sagen sie: „Besser wir schotten uns ab.“

          Freihandel galt einst als Schlüssel zu globalem Wohlstand. Doch inzwischen sehen viele vor allem schlechtes in der Globalisierung.
          Freihandel galt einst als Schlüssel zu globalem Wohlstand. Doch inzwischen sehen viele vor allem schlechtes in der Globalisierung. : Bild: AFP

          Ganz anders die Aufbruchstimmung damals, in den späten Achtzigerjahren. Man muss es sich noch einmal vor Augen führen. Es gab nicht nur die staatliche Lufthansa oder die staatliche Eisenbahn. Es gab auch die staatliche Post, der das Telefonmonopol unterstand. Wer telefonierte, musste auf die Uhr schauen, damit die Rechnung nicht aus dem Ruder lief. Nach 18 Uhr wurde es etwas billiger; dafür waren die Schlangen vor den gelben Telefonhäuschen ewig lang. Nach Amerika telefonierte man nicht, ließ sich lieber von dort anrufen, wollte man nicht gleich verarmen. Heute kostet Telefonieren im Festnetz innerhalb Deutschlands gefühlt gar nichts mehr (korrekt: unter zwei Cent je Minute). Und bei den Auslandstarifen gab es seit 1988 Preissenkungen um 95 Prozent. Dafür müssen wir heute nicht mehr wie damals zu einem an einem Kabel festgebundenen Telefonkasten laufen, wenn es klingelt, sondern haben unser Mobilgerät ständig in Griffnähe (was, zugegeben, auch seine Nachteile hat).

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