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Gesellschaftlicher Aufbruch : Sind wir noch liberal?

Was bloß hat die Stimmung gedreht? Stimmungen, so noch einmal der Soziologe Bude, erschließen sich nicht über die Ursachen, sondern über die Wirkungen. Das leuchtet ein. Liberalisierung und Globalisierung haben ja gar nicht versagt. Viele profitieren, nicht zuletzt der „kleine Mann“. Er findet wieder Arbeit und kann sich Sneakers kaufen, die in China produziert werden. Das verschärft die Frage, warum das Pendel zurück schlägt. Einiges geht an die Hartz-Reformen: Obwohl sie viel dazu beigetragen haben, dass Deutschland heute (fast) Vollbeschäftigung hat, gelten sie im Stimmungstest als Ursache von Verelendung durch Billigjobs und prekäre Beschäftigung. Kanzlerin Angela Merkel hat sich wetterwendig schon 2003 nach dem Trauma des Leipziger Parteitages von Markt, Wettbewerb und Deregulierung verabschiedet, sollte sie jemals dafür gewesen sein.

Uns geht es gut – und das mindert den Reformdruck

Und dann kam auch noch die Finanzkrise, die in der allgemeinen Stimmung als neoliberales Desaster gewertet wird. Lehman & Co., so sagen viele, ist der Beweis dafür, dass die Liberalisierung ihr Wohlstandsversprechen gebrochen hat – mit Folgen sowohl für den Einzelnen wie die Gesellschaft: einem individuellen Vermögensverlust und einer kollektiven Destabilisierung des Finanzsystems. Ob das wirklich alles stimmt – womöglich war es nicht die Deregulierung, sondern eine falsche Regulierung –, spielt für das Gefühl der Gesellschaft keine Rolle.

Am Ende kommt noch eine Erklärung, die sich simpel anhört, womöglich aber die größte Erklärungskraft entfaltet: Könnte es sein, dass es uns einfach zu gut geht? Deutschland ist heute nicht mehr der „kranke Mann“ Europas wie vor dreißig Jahren. Es hat die „rote Laterne“ des Schlusslichts an Süd- und Osteuropa abgegeben. Wir haben keine Arbeitslosigkeit, kaum Inflation und eine schwarze Null in den Haushalten. Wir leben in der besten aller Welten. Das nimmt den Reformdruck: Von den Sozialausgaben über die Bankenrettung bis zur Energiewende - wir tun so, als ob wir uns alles leisten könnten. Auf Partys, die zu lange dauern, wird man am Ende sehr müde.

Nicht Unzufriedenheit, sondern das Gegenteil – zu große Selbstzufriedenheit – wäre der Grund für die Abwendung vom Liberalismus: Wer zufrieden ist, dem könne passieren, was der deutschen Mannschaft bei der WM 2018 passiert ist, meint der Düsseldorfer Wettbewerbsökonom Justus Haucap: Harmlos, ideenlos, hilflos geworden droht rasch der Absturz. Als Volkswirtschaft geht es vielleicht nicht ganz so schnell wie im Fußball. Doch wenn es dann passiert ist, wird es wieder ein Jahrzehnt lang brauchen, bis ein neuer Liberalisierungsprozess in Gang gekommen ist.

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