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Der künftige Weltbank-Chefökonom im Gespräch : „Die Sorgen vor Chinas Staatsfonds sind unbegründet“

  • Aktualisiert am

Justin Yifu Lin wird als erster Chinese Chefökonom der Weltbank Bild: Matthias Lüdecke

China erobert nicht nur mit seinen Produkten den Weltmarkt, sondern mit Justin Lin Yifu auch als erstes Schwellenland den einflussreichen Posten des Chefökonomen der Weltbank. Dieser hält die Sorge um Chinas Staatsfonds für unbegründet, denn dieser investiere eher konservativ.

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          Der Chinese Justin Lin Yifu, künftiger Chefökonom der Weltbank, findet Entwicklungshilfe für China in Ordnung, wenn damit öffentliche Güter hergestellt werden, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert. China müsse ein Sozialsystem aufbauen und den Beschäftigten mehr Rechte geben, sagte der 56 Jahre alte Banker im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir können dabei von Europa lernen.“ Als unbegründet bezeichnete er die Sorge vor Chinas Staatsfonds.

          Professor Lin, der amerikanischen Wirtschaft droht eine Rezession, das Wachstum in Europa verlangsamt sich, der Ölpreis steigt, und die Finanzkrise ist nicht ausgestanden. Wie wirkt sich das auf die Weltkonjunktur aus?

          Ich verfolge das mit Sorge. Man muss abwarten, ob die Zinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed und das Konjunkturpaket der Regierung Bush ausreichend sind, um die wirtschaftlichen Schäden gering zu halten. Aber wahrscheinlich wird sich das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft für ein bis zwei Quartale abschwächen. Ich hoffe, dass die amerikanische Wirtschaft dann wieder ihren langfristigen Wachstumstrend erreicht.

          Ist die amerikanische Geldpolitik nicht schon wieder zu expansiv?

          Fed-Präsident Ben Bernanke hat die Situation sicherlich genau analysiert. Er musste auf die unerwartete Finanzmarktkrise reagieren. Ob die Maßnahmen richtig waren, wird erst die Zukunft zeigen.

          Kann China Amerikas Rolle als Lokomotive der Weltkonjunktur übernehmen?

          Das ist schwierig. Denn im Vergleich zu Amerika ist die chinesische Volkswirtschaft immer noch sehr klein - trotz zweistelliger Wachstumsraten. Der Anteil Amerikas am Bruttoinlandsprodukt der Welt beträgt 28 Prozent. Im Vergleich dazu ist der chinesische Wert mit 6 Prozent noch gering. Allein schon wegen dieser Größenunterschiede kann China die Rolle Amerikas nicht übernehmen. Wenn sich allerdings das Wachstum in Amerika abschwächen sollte, dann kann China mit seinen hohen Wachstumsraten zumindest einen Teil auffangen, vor allem bei den wichtigsten Handelspartnern Chinas.

          Im Sommer finden in Peking die Olympischen Spiele statt. Befürchten Sie nach dem Ende der Spiele eine Verlangsamung des Wachstums in China?

          Nein. Zwar investiert China viel Geld, um die Infrastruktur für die Spiele aufzubauen. Doch im Verhältnis zu den gesamten Investitionen der Volkswirtschaft sind sie zu vernachlässigen. Zudem stehen nach den Olympischen Spielen in China bereits die nächsten Großveranstaltungen vor der Tür, etwa die Weltausstellung Expo in Schanghai in zwei Jahren.

          Benötigt China überhaupt noch Entwicklungshilfe?

          Die Zahlungen sind in Ordnung, wenn damit öffentliche Güter hergestellt werden, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert. Wenn sich das als Erfolg erweist, dann kann China diese Projekte künftig mit eigenen Geldern fortsetzen.

          Welche Defizite sehen Sie in China?

          Wir müssen ein Sozialsystem aufbauen. Da sind die deutschen Erfahrungen für uns sehr hilfreich. Zudem müssen wir unsere Institutionen verbessern. Denken Sie an unser Rechtssystem. Wir müssen den Beschäftigten mehr Rechte geben. Auch müssen wir noch an unserem Finanzmarkt feilen. Wir können dabei von Europa lernen. Zudem haben wir in China eine kaum regulierte Marktwirtschaft. Deshalb müssen wir den Wettbewerb schützen und Monopole verhindern.

          Gehört dazu auch ein besserer Schutz des geistigen Eigentums?

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