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Was wird aus unserem Müll? : Der Kampf gegen Plastik hat gerade erst begonnen

  • -Aktualisiert am

Häufen sich bald die Müllberge in Europa? Bild: dpa

China nimmt unseren Plastikmüll nicht mehr ab, die EU-Kommission schlägt eine Plastiksteuer vor: Wie kriegen wir dieses Abfallproblem in den Griff?

          Seit Plastik seit den frühen fünfziger Jahren als Massenprodukt verkauft wird, hat die Menschheit 8,3 Milliarden Tonnen davon  produziert. Besonders brisant: Der Großteil des Plastiks vermüllt heute die Umwelt oder liegt auf Deponien. Amerikanische Forscher um Robert Greyer von der University of California berechneten, dass bisher 6,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll produziert wurden - nur ein kleiner Teil davon, etwa 29 Prozent, wurde recycelt oder verbrannt.  

          Oft wird der Plastikmüll zu Abfallteppichen im Meer, wo er langsam zu immer kleineren Partikeln zerfällt. Diese Mikroplastikteilchen landen dann im Magen von Fischen und Meeresfrüchten, und unter Umständen sogar auf unseren Tellern. Betroffen sind mittlerweile auch Grundwasser, Küsten und sogar die Arktis. Eine Plastiktüte braucht im Schnitt 500 Jahre um zu zerfallen – kein Wunder, dass das Thema längst auf der internationalen Umweltagenda steht.

          Weniger Plastiktüten

          Die EU recycelt 30 Prozent ihres Plastikmülls. Einen großer Teil dessen exportiert sie bisher nach China, ohne dass klar ist, was genau damit passiert. Damit ist zunächst Schluss. China hat zum 1. Januar ein Importverbot erlassen und die EU muss sich jetzt selbst um ihren Abfall kümmern.

          EU-Kommissar Günther Oettinger hat daraufhin eine europäische Plastiksteuer vorgeschlagen. Ihm geht es dabei aber vor allem auch darum, der EU höhere Einnahmen zu verschaffen, um das durch den geplanten EU-Austritt der Briten entstehende Haushaltsloch zu stopfen.

          Oettingers Initiative ist das aktuellste Beispiel für einen Trend, der schon länger besteht: Bereits im Jahr 2016 verabschiedete die EU eine Richtlinie, mit der sich die Mitgliedsstaaten verpflichten, den Verbrauch von Plastiktüten zu verringern. Bis zum Jahr 2025 soll jeder EU-Bürger pro Jahr nur 40 Plastiktüten verwenden. Außerdem sollen alle Plastiktüten bis Ende dieses Jahres kostenpflichtig sein.

          Weniger Plastiktüten reichen nicht

          In Deutschland ist das seit Juni 2016 weitgehend der Fall. Der deutsche Einzelhandel hatte sich angesichts der EU-Richtlinie freiwillig dazu verpflichtet, Plastiktüten nicht mehr gratis auszugeben. Laut dem deutschen Handelsverband ging der Verbrauch an Plastiktüten daraufhin um ein Drittel zurück, von 70 auf 45 Tüten pro Kopf im Jahr. Auch in anderen Mitgliedstaaten wurden ähnliche Maßnahmen durchgesetzt, zum Beispiel in Finnland, Irland und im Vereinigten Königreich.

          Es reicht jedoch nach Ansicht von Fachleuten nicht, den Plastikverbrauch zu reduzieren. Innerhalb der EU gehört Dänemark zu den Spitzenreitern, wenn es um Recycling geht - 90 Prozent des Plastikmülls in dem Land werden wiederverwertet. In Deutschland werden dagegen nur 42 Prozent des Plastikmülls recycelt.

          Nach Ansicht der Forscher um Robert Greyer ist Recycling aber nicht unbedingt die Lösung des Plastikproblems. Wiederverwertung verzögere zunächst nur die letzte Entsorgung der Materialien. Wenn es so weitergeht, werden bis zum Jahr 2050 ungefähr 34 Milliarden Tonnen Kunststoff produziert, schätzt Greyer. Deshalb brauche es weitere Maßnahmen.

          Biologisch abbaubarer Kunststoff wird oft als Alternative zu normalem Plastik angepriesen. Dieser Kunststoff wird aus nachwachsenden Rohstoffen, zum Beispiel Mais, Kartoffeln oder Zucker hergestellt, anstatt wie herkömmlich aus Erdöl. In Italien dürfen mittlerweile nur noch Plastiktüten dieses Typs verkauft werden.

          Biologisch abbaubare Kunststoffe sind normalen Kunststoffen jedoch nicht unbedingt überlegen. Laut dem Umweltbundesamt zersetzt sich biologisch abbaubarer Kunststoff unter geeigneten Bedingungen vergleichsweise schnell in kleine Einzelteile. Je nach Material dauert es jedoch lange, bis diese Mikroplastikteile endgültig abgebaut werden.

          Bis dahin können sie weiter der Umwelt schaden. Außerdem wird Bio-Kunststoff sowieso oft mit normalem Kunststoff entsorgt, wo er den Recyclinganlagen schadet. Im Biomüll sollte man die Tüten allerdings auch nicht entsorgen, da sie nicht für den Kompost geeignet sind. Auch in der Produktion schneidet Bio-Kunststoff nicht unbedingt besser als normales Plastik ab, da die Nutzung von Pestiziden und Düngemitteln beim Anbau die Umwelt belastet. Wirklich ökologisch ist er also nicht.

          Um das Plastikproblem zu lösen ist, so scheint es, eine Mischung verschiedener Maßnahmen notwendig: Geringere Produktionszahlen und längere Nutzung der Produkte, höhere Recyclingquoten, Nutzung von nachhaltigen Materialien, aber auch Ausbau der Müllverbrennung. Im Grunde ist Plastik ein fossiler Brennstoff. In Verbrennungsanlagen wird heute schon die durch die Plastikverbrennung entstehende Wärmeenergie abgezapft. Schweden zum Beispiel verbrennt etwa 47 Prozent des Haushaltsmülls - und setzt die gewonnene Energie zum Heizen ein.

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